Im BVMW-Interview: Florian C. Feyerabend, Konrad-Adenauer-Stiftung

Mit der Deutsch-Vietnamesischen Gesellschaft (DVG) hat Ludwig Graf Westarp, BVMW Repräsentant Vietnam, Florian C. Feyerabend interviewt, der seit August 2021 das Auslandsbüro der Konrad-Adenauer-Stiftung in Vietnam leitet.

florian constantin feyerabend

Ludwig Graf Westarp:Was sind die Aufgaben der Konrad-Adenauer-Stiftung in Vietnam?

Florian C. Feyerabend: Bereits seit Anfang der 1990er Jahre ist die Konrad-Adenauer-Stiftung mit einem eigenen Auslandsbüro in Hanoi präsent. So wie sich Vietnam in den vergangenen drei Jahrzehnten verändert hat, so haben sich auch die Schwerpunkte und Ansätze unserer Arbeit verschoben. Heute ist Vietnam ein wirtschaftlich aufstrebendes, selbstbewusstes Land; ein Einparteienstaat zwar weiterhin, dessen „sozialistisch orientierte Marktwirtschaft“ durch die Markliberalisierungen der Đổi Mới Reformen entfesselt wurde und das eine junge, konsumhungrige, wachsende Mittelschicht aufweist. Auch auf internationalem Parkett spielt Hanoi, das sich zu einer regelbasierten internationalen Ordnung bekennt, eine zunehmend aktivere Rolle.

Zu Beginn unseres Engagements in Vietnam haben klassische Ansätze der Entwicklungszusammenarbeit und der politischen Bildung sicherlich eine größere Rolle in unserer Arbeit gespielt. Heute stellen darüber hinaus außen- und sicherheitspolitische Themen einen wichtigen Aspekt unserer Arbeit in Vietnam dar. Wir sind also – wenn man so will – „politischer“ geworden. Denn auch Deutschland und Europa haben sich weiterentwickelt und die geopolitischen Rahmenbedingungen – insbesondere in Südostasien – haben sich verändert. Dem müssen wir als Konrad-Adenauer-Stiftung auch in unserer Arbeit Rechnung tragen. Um die Ausgangsfrage abschließend zu beantworten: Unsere Aufgabe ist es, im gesellschaftlichen und politischen Bereich Brücken zu bauen zwischen Deutschland und Vietnam. Dabei geht es auch darum, für die Perspektiven Vietnams in Berlin zu sensibilisieren, zugleich aber auch deutsche Politik in Hanoi zu übersetzen.

Was sind die Ziele der Konrad-Adenauer-Stiftung in Vietnam?

Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität sind die Leitprinzipien der Arbeit der Konrad-Adenauer-Stiftung. Als deutsche politische Stiftung blicken wir natürlich ausgehend von einer spezifischen historischen Erfahrung und einem klaren Wertefundament auf die Entwicklungen in der Welt. Geteilte Interessen und gemeinsame Werte sind stets handlungsleitend. Im Kontext von Vietnam bedeutet dies: eine nachhaltige Entwicklung in Sicherheit, Wohlstand und Frieden. Auf dieser Grundlage arbeiten wir vor Ort. Konferenzen, Seminare und Workshops, Studien und Publikationen bilden die Plattformen, um über dieunterschiedlichen Wege zu dieser Zielerreichung in den Austausch zu treten.

Was sind die thematischen Schwerpunkte der Konrad-Adenauer-Stiftung in Vietnam?

Unsere Arbeit in Vietnam fußt auf vier Säulen: Erstens, Stärkung der Rechtstaatlichkeit. Die Konrad-Adenauer-Stiftung ist Partner des 2008 zwischen der deutschen Bundesregierung und der Regierung Vietnams beschlossenen Rechtsstaatsdialogs. Hierbei arbeiten wir eng mit dem Justizministerium zusammen. Reformen des Strafrechts, der Strafprozessordnung oder der Umsetzung internationaler Menschenrechtstandards sind dabei einige der Themen, denen wir uns widmen.

Zweitens, Förderung der politischen Repräsentation und Partizipation. Nachhaltige politische Legitimation speist sich auch aus Bürgerbeteiligung und Responsivität des politischen Systems. Deshalb arbeiten wir hier mit der Nationalversammlung Vietnams zusammen.

Die dritte Säule betrifft den Themenkomplex Wirtschaft und Innovation. Hier reicht die Bandbreite der Themen von Freihandel und globalen Lieferketten zu Kryptowährungen und Innovationsförderungssystemen.

Der vierte und letzte thematische Schwerpunktbereich ist mittlerweile fast zum Markenkern der Konrad-Adenauer-Stiftung in Vietnam geworden: Außen- und Sicherheitspolitik und regionale Integration. Insbesondere mit der Diplomatenakademie Vietnams haben wir einen starken Partner an unserer Seite.

Inwiefern spüren Sie Einschränkungen durch die Corona-Krise?

Ich habe die Leitung des Auslandsbüros Anfang August und somit zu Beginn des Höhepunkts der Corona-Krise in Vietnam übernommen. Zu einem Zeitpunkt also, als sich weite Teile des Landes inklusive der Hauptstadt Hanoi in einem strikten Lockdown befanden, auch für vollständig geimpfte Personen eine mehrwöchige Quarantäne vorgeschrieben war, eine Einreise nur mit Sondergenehmigung möglich war und der internationale Linienflugverkehr unterbrochen war. Alle Mitarbeiterinnen der Konrad-Adenauer-Stiftung in Hanoi mussten von zu Hause arbeiten, Veranstaltungen konnten nur digital stattfinden und meine Ausreise nach Vietnam wurde verschoben. Mittlerweile wurden die Einschränkungen in Hanoi gelockert und auch beim Impfen nennenswerte Fortschritte erzielt. Daher bin ich zuversichtlich, dass auch meine Ausreise bald stattfinden kann und wir zu Beginn des nächsten Jahres wieder zu Präsenzformaten in unserer Arbeit übergehen können. Denn Zoom-Konferenzen und Webinare können nicht die persönliche Begegnung und die informellen Gespräche in der Kaffeepause ersetzen. Zugleich sind wir uns unserer privilegierten Situation bewusst: Von einem Tag auf den anderen konnten wir auf Homeoffice und einen digitalen Arbeitsmodus umstellen; kein Mitarbeiter der Stiftung musste sich Sorgen um seinen Arbeitsplatz machen. Millionen von Menschen – Fabrikarbeiter, Kleinstselbstständige etc. – waren und sind durch die Corona-Pandemie und die Restriktionen in einem ganz anderen Ausmaß betroffen.

Wie schätzen Sie die Chancen Vietnams ein, aus der Corona-Krise gestärkt hervorzugehen?

Bis zum Auftreten der Delta-Variante Ende April 2021 war es Vietnam gelungen, weitestgehend unbeschadet durch die Pandemie zu kommen. Man hatte bei einer Gesamtbevölkerung von fast 100 Millionen Einwohnern weniger als 3000 Fälle und 35 Tote zu verzeichnen gehabt – und dies trotz einer gemeinsamen Landgrenze von über 1200 km mit der Volksrepublik China, dem Ursprungsland des Virus. Zudem war es Vietnam im vergangenen Jahr gelungen nicht nur eine Rezession zu vermeiden, sondern gar ein Wirtschaftswachstum von 2,9 Prozent zu verzeichnen. Auch zu Jahresanfang waren die Prognosen für das BIP Vietnams sehr positiv. Das alles hat sich seit Mai mit der neuen Virusvariante verändert. Mittlerweile wurden deutlich über 730.000 Fälle registriert, fast 20.000 Tote sind zu beklagen und die zur Viruseindämmung notwendigen Restriktionen haben das wirtschaftliche Leben massiv eingeschränkt. Die soziökonomischen Kosten waren sehr hoch. Einhergehend mit den Fortschritten bei der Impfkampagne hat der vietnamesische Staat mittlerweile seine Strategie angepasst, weg von einer „Zero Covid“-Politik hin zu einer „Koexistenz mit dem Virus“. Die Widerstandskräfte des vietnamesischen Volkes sind groß – das hat man in der Vergangenheit mehrfach unter Beweis gestellt. Ich bin daher überzeugt, dass Vietnam gestärkt aus der Corona-Krise hervorgehen wird. Durch den geopolitischen Wettbewerb zwischen Peking und Washington wird Vietnam auch zukünftig als alternativer Produktionsstandort zu China an Attraktivität gewinnen.

Welche Rolle spielt das EU-Vietnam Freihandelsabkommen (EVFTA) in den deutsch-vietnamesischen Beziehungen?

Die deutsch-vietnamesischen Beziehungen sind vielschichtig und vielfältig. Vor ziemlich genau 10 Jahren, am 11. Oktober 2011 wurde mit der sog. Hanoier Erklärung von Bundeskanzlerin Angela Merkel die Strategische Partnerschaft zwischen Deutschland und Vietnam begründet. Im vergangenem Jahr wurde zudem die Beziehung zwischen der Europäischen Union und dem Südostasiatischen Staatenverbund ASEAN zu einer Strategischen Partnerschaft aufgewertet. Deutschland hatte die EU-Ratspräsidentschaft inne, Vietnam führte den Vorsitz von ASEAN. Ebenfalls im vergangenen Jahr – mitten in der Corona-Pandemie – ist das EU-Vietnam Freihandelsabkommen in Kraft getreten. All dies zeigt: Vietnam ist ein wichtiger Partner Deutschlands und Europas in der Welt, und neben Singapur zummittlerweile wichtigsten Partner in Südostasien aufgestiegen. Klar ist auch, dass Deutschland als wichtigster Handelspartner in der EU in besonderem Maße von dem Freihandelsabkommen mit Vietnam profitieren dürfte. Ebenso klar ist, dass es das umfassendste Handelsabkommen der EU mit einem Entwicklungsland darstellt. Umfassend auch deshalb, weil es hohe Standards anlegt bei Umwelt- und Nachhaltigkeitsstandard und Arbeitnehmerrechten.

Wie beurteilen Sie zum gegenwärtigen Zeitpunkt das Verhältnis Vietnams zu den USA wie das zu China?

Diese Frage bietet Stoff mindestens für eine abendfüllende Diskussion, wenn nicht für eine ganztägige Konferenz. Die kurze Antwort lautet: Es istkompliziert und komplex. Viele Veranstaltungen der Konrad-Adenauer-Stiftung befassen sich explizit oder implizit mit der Rolle Chinas in der Region, zum Beispiel unsere Diskussionsreihe „China Talk“, der „Ocean Dialogue“ oder die mit Unterstützung der Stiftung stattfindende jährliche „South China Sea Conference“. Eine etwas umfassendere Antwort lautet: Seit 1995 unterhält Hanoi wieder diplomatische Beziehungen mit Washington, die Vereinigten Staaten sind der wichtigste Exportpartner Vietnams und nach China der zweitwichtigste Handelspartner. China wiederrum ist der wichtigste Importpartner Vietnams und größter Handelspartner, zudem teilt man sich eine lange Landgrenze und eine strittige Seegrenze. Letzteres – die Gebietsansprüche Pekings im Südchinesischen Meer (in Vietnam „Ostmeer“ genannt) führen immer wieder zu Spannungen zwischen Vietnam und China und sind eine der Gründe, weshalb man in Hanoi ein amerikanisches Engagement im Indo-Pazifik begrüßt. Um eine Diversifizierung der Außenbeziehungen bemüht, registriert man in Vietnam auch positiv das verstärkte Interesse und Engagement Deutschlands und der EU in der Region. Was man durchaus mit Sorge betrachtet, ist eine Verschärfung der geopolitischen Spannungen zwischen den USA und China, denn man befürchtet, zwischen die Stühle zu geraten. Zu einer Seitenwahl ist man nicht bereit.

Welche Rolle sollte Deutschland im Konflikt im Südchinesischen Meer einnehmen?

Das Südchinesische Meer ist nicht nur einer der weltweit wichtigsten Fischfanggründe, sondern hier verläuft auch eine der bedeutendsten maritimen Handelsrouten der Welt. Deutschland als führender Exportnation kann es daher nicht egal sein, wenn hier das Recht des Stärkeren gelten soll anstatt des Völkerrechts, wenn hier eine Militarisierung vorangetrieben wird. Deutschland bekennt sich zu einer regelbasierten internationalen Ordnung. Im Konflikt im Südchinesischen Meer sind somit gleichermaßen unsere Interessen und Werte betroffen. Übersetzt in eine Handlungsempfehlung heißt dies, dass sich Deutschland für eine Einhaltung des UN-Seerechtsübereinkommens (UNCLOS) einsetzt, für die Freiheit der Seewege, friedliche Streitbeilegung und einen verpflichtenden Verhaltenskodex. Die Entsendung der Fregatte Bayern in den Indo-Pazifik ist deshalb auch ein Zeichen an unsere Partner in der Region.

Was waren Ihre ersten Handlungen als Leiter des Auslandsbüros Vietnam, die Sie aus Deutschland heraus unternommen haben?

Zunächst einmal ging es darum, sicherzustellen, dass es allen Mitarbeitern samt Familienangehörigen gut ging und die Arbeitsfähigkeit gewährleistet war. Es war ja eine ungewohnte Situation für einen Führungswechsel: Ende Juli war mit der sog. Entscheidung 16 ein strikter Lockdown in Hanoi verhängt worden, man musste ins Homeoffice wechseln, Veranstaltungen wurden abgesagt, verschoben oder rein digital durchgeführt, und ein persönliches Kennenlernen des neuen Leiters war ebenfalls nur virtuell möglich. Schnell hatte man sich jedoch auf die neue Situation eingestellt. Erfreulich ist auch, dass frühzeitig alle Mitarbeiter die Covid-19 Schutzimpfung erhalten konnten.

Was werden die ersten beruflichen Aufgaben sein, die Sie nach Ihrer Ankunft in Vietnam in Angriff nehmen werden?

Eine der ersten beruflichen Aufgaben wird sein, unsere Partner in Ministerien, Akademie, Universitäten und Think Tanks in Präsenz kennenzulernen. Das persönliche Zusammentreffen kann nicht durch digitale Formate ersetzt werden. Vertrauen entsteht im persönlichen Kontakt, dieser ist unerlässlich. Und nur durch die persönlichen Kontakte kann auch ein Verständnis der Kultur entstehen. Darüber hinaus wird es darum gehen, ein Stipendienprogramm zu etablieren. In der Nachwuchsförderung haben wir noch ungenutztes Potenzial.

 

Florian Constantin Feyerabend leitet seit August 2021 das Auslandsbüro Vietnam mit Sitz in Hanoi. Herr Feyerabend ist seit 2014 für die Stiftung im In- und Ausland tätig. Nach einer zweijährigen Entsendung nach Georgien, wo er für die Stiftung im Regionalprogramm Politischer Dialog Südkaukasus tätig war und dieses auch zeitweilig kommissarisch leitete, erfolgte im Mai 2016 der Wechsel nach Berlin in die Abteilung Europa und Nordamerika. Hier war Herr Feyerabend bis April 2021 als Referent für den Westbalkan und Südosteuropa zuständig. Herr Feyerabend hat Politik- und Verwaltungswissenschaften sowie Internationale Beziehungen in Konstanz, Sheffield und Bangkok studiert. Während des Studiums sammelte er erste praktische Berufserfahrung in Südostasien, u.a. an der Deutschen Botschaft Bangkok und bei Siemens.