Im Interview: Rolf Schulze, Deutsch-Vietnamesische Gesellschaft (DVG)

Die Deutsch-Vietnamesische Gesellschaft (DVG), die in diesem Jahr ihr 30-jähriges Jubiläum feiert, hat seit dem 28.10.2021 einen neuen Vorstandsvorsitzenden: Er war von 2007 bis 2011 Deutscher Botschafter in Vietnam.

Zum Interview treffe ich Rolf Peter Gottfried Schulze in der „Ständigen Vertretung“ am Schiffbauerdamm in Berlin.

Ludwig Graf Westarp: Sie waren als Botschafter von 2007 bis 2011 in Vietnam auf Posten. Wie würden Sie das Lebensgefühl in dieser Zeit in Vietnam beschreiben?

Rolf Schulze: Vietnam hatte schon seit Mitte der 80er Jahre und seit Beginn der marktwirtschaftlichen Reformen („Doi Moi“-Politik) beachtliche wirtschaftliche Erfolge erzielt. Als ich 2007 in Vietnam ankam, war der soziale Fortschritt mit Händen zu greifen. Aufbruchsstimmung hatte das Land erfasst. Privatwirtschaftliche Aktivitäten nahmen rasant zu. In den urbanen Ballungsgebieten hatte es ein großer Teil der Bevölkerung zu bescheidenem Wohlstand gebracht, auch in den agrarischen Landesteilen hatte Vietnam bei der Umsetzung der Millenniumsziele der Vereinten Nationen große Fortschritte gemacht (Armutsbekämpfung, gesundheitliche Grundversorgung, Schulbildung). Das Land war der WTO beigetreten und schickte sich an, zu den südostasiatischen Tigerstaaten aufzuschließen. Man blickte in die Zukunft. Fast schien es mir, dass die Menschen für sich einen Lebensentwurf gefunden hatten, der dem unsrigen nicht ganz unähnlich war: auskömmliche finanzielle und materielle Lebensbedingungen, gute Ausbildung für die Kinder, hin und wieder eine Ferienreise, der Besitz eines Autos oder Mopeds galt als Statussymbol.

Was mich sehr beeindruckte, war der Fleiß der Menschen. Auch deutsche und ausländische Firmen haben dies wahrgenommen. Es ist kein Zufall, dass heute ca. 370 deutsche Unternehmen in Vietnam vertreten sind. Die Gesamtinvestitionssumme liegt bei 2 Milliarden Euro. Ein Abkommen über Freihandel und Investitionsschutz zwischen der Europäischen Union und Vietnam wurde 2019 unterzeichnet. Mit einem Pro-Kopf-Einkommen von über 2.000 Euro zählt Vietnam zu den sog. „Ländern mit mittlerem Einkommen“ (middle income countries).

Welchen Einfluss hatte Ihre Zeit in Vietnam auf Sie? Inwiefern haben die Erfahrungen in Vietnam Sie verändert?

Schon zu meiner Zeit als Gymnasiast und später als Student hat Asien eine große Anziehungskraft auf mich ausgeübt. In den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts hat der Krieg in Indochina meine politische Sozialisierung erheblich geprägt. An den Universitäten Freiburg und Cambridge habe ich für einige Zeit Japanologie als Nebenfach studiert. Als jüngerer Diplomat war ich in Japan und China eingesetzt. Vietnam war dann mein erster Botschafterposten. Ich hätte es nicht besser treffen können. Ein gastfreundliches Land, eine gegenüber Deutschland aufgeschlossene Bevölkerung und in allen Bereichen enge bilaterale Beziehungen.

Alle mit Vietnam befassten staatlichen und nicht-staatlichen Akteure sind damals mit großer Begeisterung und Kreativität an die Zusammenarbeit herangegangen. Leuchtturmprojekte wie das Deutsche Haus, die Vietnamesisch-Deutsche Universität und die Deutsche Schule in Ho Chi Minh Stadt wurden damals in Angriff genommen. Es erfüllt mich mit einer gewissen Genugtuung, dass ich zu all diesen Projekten einen bescheidenen Beitrag leisten konnte. So habe ich mich beispielsweise ganz nachdrücklich dafür eingesetzt, unser Grundstück in Ho Chi Minh Stadt, das viele Jahre ungenutzt brach gelegen hatte, nicht zu veräußern (wie dies von einigen Haushältern vorgeschlagen worden war) oder gegen eine andere Liegenschaft einzutauschen, sondern innovativ mit dem Bau eines Deutschen Hauses zu nutzen. Heute ist das Deutsche Haus ein Schmuckstück, um das uns viele Länder beneiden. Ich habe dem Auswärtigen Amt vorgeschlagen, auch an anderen Dienstposten über die Errichtung eines „Deutschen Hauses“ nachzudenken.

Aber nicht alles hat sich so gestaltet, wie ich mir dies erträumt hätte. Bei dem U-Bahn Projekt Ho Chi Minh Stadt, für das ich, unterstützt vom Deutschen Bundestag und dem damaligen Berichterstatter für den Einzelplan des Auswärtigen Amtes, vier Jahre lang gekämpft habe, hätte ich mir raschere Fortschritte erhofft.

Alles in allem habe ich in Vietnam gelernt: es lohnt sich, die Ärmel hochzukrempeln und die Dinge anzupacken. Aus nichts, wird nichts!

Gibt es Erlebnisse, die Ihnen aus Ihrer Zeit als Deutscher Botschafter in Vietnam besonders in Erinnerung geblieben sind?

Meine Zeit in Vietnam ist reich an Erlebnissen. Ein „Highlight“ war zweifellos die Begegnung mit dem Kriegshelden General Giap, den ich mit einer Delegation aus Hessen besuchte (das Bundesland Hessen hatte die Gründung der Vietnamesisch-Deutschen Universität initiiert). General Giap wohnte nur einen Steinwurf entfernt von der Deutschen Residenz. Wir erhielten den Besuchstermin ganz kurzfristig. Monate zuvor hatte ich gesprächsweise den Wunsch geäußert, gelegentlich mit dem alten Herrn zusammenzutreffen. General Giap empfing uns in der Bibliothek seiner Villa. Zu Ehren seiner Gäste hatte er seine alte Generalsuniform angelegt. Er war gut auf das Gespräch vorbereitet. Er erkundigte sich interessiert nach dem deutschen Bildungssystem und insbesondere nach der dualen Ausbildung. Die Pläne für die Vietnamesisch-Deutsche Universität in Ho Chi Minh Stadt bezeichnete er als zukunftsweisend. Zur Verabschiedung griff in er in den Bücherschrank hinter sich und überreichte mir ein kleines Bändchen mit seinen Schriften, das er mir dedizierte. „Grüßen Sie die Frau Bundeskanzlerin von mir“, sagte er zur Verabschiedung.  

Sehr eingeprägt haben sich mir auch meine Besuche in den Heimen, die u.a. das vietnamesische Rote Kreuz für Menschen unterhält, die an den Spätfolgen des Einsatzes von Agent Orange erkrankt sind. Es ist erschütternd, dass auch heute noch unschuldige Menschen zu Opfern eines sinnlosen Krieges werden. Die Kirchen und deutsche Nichtregierungsorganisationen leisten in den Heimen wertvolle Hilfe.

Eine schöne Erinnerung ist ein spontaner Spendenaufruf deutscher Wirtschaftsvertreter, die Außenminister Steinmeier nach Vietnam begleitet hatten. Ich hatte ihnen abends nach Ende des offiziellen Programms an der Hotelbar vom Deutschen Krankenhaus in Hanoi, dessen wichtiger Arbeit und dessen großem Mittelbedarf berichtet. Das Deutsche Krankenhaus war noch von der DDR errichtet worden. Spontan wurden von den Wirtschaftsbossen Zusagen im größeren fünfstelligen Bereich gemacht, den symbolischen Scheck konnten wir am nächsten Tag vor Ort übergeben.

Die Restaurierung des Jahrhunderte alten Versammlungshauses („Dinh“) in der kleinen Gemeinde Tran Dang vor den Toren Hanois zählt zu meinen schönsten Erinnerungen. Das Auswärtige Amt hatte die erforderlichen Mittel, nach anfänglichem Zögern, bereitgestellt. Ein Mitglied des Deutschen Bundestags hatte zuvor eine zusätzliche Finanzierungslinie durchgesetzt. Eine in Hue noch heute tätige deutsche Archäologin übernahm die Projektleitung. Und für die Mittelbewirtschaftung konnte ich die Deutsch-Vietnamesische Gesellschaft gewinnen. Einige DVG-Akteure werden sich sicherlich noch erinnern. Offen gestanden war dies mein erster Kontakt mit der DVG, ohne deren Hilfe das Projekt damals nicht zustande gekommen wäre, da das Auswärtige Amt darauf bestanden hatte, die Mittel nur an einen deutschen Zuwendungsempfänger in Deutschland zu überweisen.

Deutschland und Vietnam unterhalten seit 2011 eine Strategische Partnerschaft mit Kooperationsprojekten auf allen Ebenen und in zahlreichen Politikfeldern. Wie sehen Sie die Strategische Partnerschaft heute?

In Vorbereitung auf den damaligen Vietnam-Besuch der Bundeskanzlerin war ich selbst noch für einige Zeit mit den Überlegungen zu einer Strategischen Partnerschaft befasst. Ich erinnere mich, dass ich am Tag meiner Ausreise nach Thailand, wo ich Deutschland die darauffolgenden Jahre als Botschafter vertreten sollte (2011-2015), vormittags im Büro in Hanoi noch Fragen des Bundeskanzleramtes zur Ausgestaltung der Strategischen Partnerschaft beantwortete. Hinter dem Konzept der Strategischen Partnerschaft steht der Gedanke, dass man die bilateralen Beziehungen zu einzelnen für unsere Außenpolitik wichtigen Staaten außerhalb der NATO und EU auf eine neue Stufe anheben und dies auch nach außen sichtbar machen möchte. In Berlin ging man allerdings, zu Recht, sehr sparsam mit diesem diplomatischen Instrumentarium um. Man wollte und will vermeiden, dass es zu einer Proliferation solcher Absprachen kommt, was letztlich nur deren Wert schmälern würde.

In der sog. „Hanoier Erklärung“ finden sich Grundsätze der Zusammenarbeit in den verschiedensten Bereichen, von der politisch-strategischen Zusammenarbeit, bei Handel und Investitionen, bei der Zusammenarbeit auf den Gebieten der Justiz und des Rechts, der entwicklungspolitischen Zusammenarbeit, beim Umweltschutz u.a.

Meine feste Überzeugung ist: wenn es die Strategische Partnerschaft zwischen Deutschland und Vietnam nicht gäbe, müsste man sie erfinden. Nicht nur bei Sonnenschein, auch bei Regen hat sie der bilateralen Zusammenarbeit Kontinuität und Struktur gegeben.

Wie sehen Sie die Rolle und Bedeutung der Entwicklungszusammenarbeit in Vietnam sowie die Programme der politischen Stiftungen?

Die Entwicklungszusammenarbeit ist ein enorm wichtiger, für Vietnam vielleicht sogar der bedeutendste Bereich der Zusammenarbeit. Vietnam gehört zu den wichtigsten entwicklungspolitischen Partnern Deutschlands. Nach Angaben des BMZ wurden für die Zusammenarbeit die folgenden drei Schwerpunkte vereinbart: berufliche Bildung, Umwelt- und Ressourcenschutz, Energie. Dem BMZ zufolge machte Deutschland zuletzt (2017) eine Zusage in Höhe von 161,45 Millionen Euro.

Die großen deutschen Durchführungsorganisationen Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) und Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) sind mit eigenen Büros in Vietnam vertreten. Noch aus eigener Erfahrung weiß ich, dass sie dort hervorragende Arbeit leisten.

Gleiches trifft für die politische Stiftungen zu. Nur Deutschland kennt dieses Instrument der gesellschaftlichen und demokratischen Bildungsarbeit. Die politischen Stiftungen stehen einzelnen demokratischen Parteien nahe, sind in ihrer Arbeit aber unabhängig. Dies weiß man in Vietnam zu schätzen. Zahlreiche deutsche Stiftungen sind mit Auslandsbüros in Vietnam vertreten. Jede Stiftung hat ihre eigenen thematischen Schwerpunkte. Meine älteste Tochter hat zwei Jahre lang für die Konrad Adenauer Stiftung in Hanoi gearbeitet. Die Eröffnung des Büros der Friedrich-Naumann-Stiftung habe ich selbst mit unseren vietnamesischen Partnern verhandelt.

Wie sehen Sie die Zukunft der deutsch-vietnamesischen Beziehungen?

Ich bin sicher, dass die bilaterale Zusammenarbeit große Perspektiven besitzt. Dies setzt allerdings voraus, dass man sich mit Respekt und auf Augenhöhe begegnet. Besserwisserei der einen wie der anderen Seite ist fehl am Platze. Die über 100.000 Vietnamesinnen und Vietnamesen, die in Deutschland leben, bilden eine einzigartige Brücke zwischen beiden Ländern. Sie tragen zu einem besseren gegenseitigen Verständnis bei.

Unschätzbar ist auch die Arbeit des Goethe Institut und des DAAD. Sprache und Kultur sind unverzichtbar, um das Interesse am Partnerland wach zu halten.

Insgesamt bin ich daher sehr optimistisch. Wir haben längst noch nicht das gesamte Potenzial der Zusammenarbeit ausgeschöpft.

Nach Herrn Sommer sind Sie nun Vorstandsvorsitzender der Deutsch-Vietnamesischen Gesellschaft. Was sind Ihre Pläne?

Siegfried Sommer gebührt unser aller Anerkennung und Dank. Er ist ein großer Vietnamkenner, er hat lange in Vietnam gelebt und hat sich immer mit Herzblut und viel Erfolg für die Belange der DVG engagiert. Er hinterlässt jedem Nachfolger oder jeder Nachfolgerin „große Schuhe“.

Die DVG kann seit ihrer Gründung 1991 auf beeindruckende Leistungen zurückblicken, darauf möchte ich aufbauen. Die DVG verfügt personell und inhaltlich über eine sehr weit gefächerte Expertise, sie muss ihr Licht nicht unter den Scheffel stellen. Ein DVG-Vorstandsvorsitzender sollte ein Team Player sein, der gesamte Vorstand, der Beirat, die Mitglieder sollten in die Arbeit eingebunden sein.

Die Welt ist mit großen Herausforderungen konfrontiert. Auch die DVG muss sich für die Zukunftsthemen unserer Gesellschaften öffnen. Klimawandel und Corona-Pandemie betreffen alle Länder und alle Bereiche des öffentlichen und privaten Lebens. Die Pandemie-Bekämpfung ist ein schönes Beispiel für die Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern. Deutschland hat Vietnam eine große Anzahl von Impfdosen gespendet. Auch im Umweltschutz und im Rahmen der vietnamesischen „Green Growth“-Strategie arbeiten beide Länder zusammen. Die dicht besiedelten Deltaregionen entlang der Küste Vietnams sind in besonderem Maße von den Folgen des Klimawandels betroffen.

Ich denke, die DVG sollte die institutionellen Kontakte zur Bundesregierung, zum Auswärtigen Amt, zum Bundestag, Europaparlament, zu den Bundesländern, den politischen Stiftungen u.a. noch weiter stärken. Hierfür ist der Zeitpunkt günstig. Ein neuer Bundestag hat sich konstituiert, eine neue Bundesregierung wird demnächst ihr Amt antreten, dies bietet auch für die Arbeit der DVG Ansatzpunkte.

Wichtig erscheint mir auch die weitere Zusammenarbeit mit der Wirtschaft, den Berufsverbänden, Unternehmen, Beratungsfirmen und Investoren. Die DVG besitzt ja auch in diesem Bereich langjährige Erfahrung. Die mit anderen Akteuren ausgerichteten Wirtschaftstage haben sich bewährt, sie sollten ausgebaut, fortgeführt und durchaus auch dezentral in den Bundesländern ausgerichtet werden.

Ich könnte noch zahlreiche weitere Betätigungsfelder für die DVG erwähnen, die Wissenschaft, Kultur, Länderkunde, die Zusammenarbeit mit Hilfsorganisationen und Partnerschaften aller Art.

Was mir sehr am Herzen liegt, ist ein gutes Einvernehmen mit der großen vietnamesischen Gemeinde in Deutschland. Auch für unsere vietnamesischen Mitbürger sollte die DVG ein Ansprechpartner sein. Der vietnamesischen Botschaft kommt hierbei natürlich eine besondere Rolle zu.

Wenn es uns gelingt, in all diesen Bereichen einen kleinen Beitrag zur deutsch-vietnamesischen Freundschaft zu leisten, dann kann uns ein „Neustart“ für die DVG gelingen, der ihren Stellenwert im bilateralen Netzwerk sichert.

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Rolf Peter Gottfried Schulze, geboren am 29. Juni 1953 in Karlsruhe, stieg 1980 in den Diplomatischen Dienst ein. Im Jahr 1982 wurde er Referent im Pressereferat an der Botschaft in Trinidad und Tobago sowie im Anschluss zwischen 1985 und 1989 im Politikreferat an der Botschaft in Japan. Danach kehrte er in die Zentrale des Auswärtigen Amtes zurück und war dort Referent in der Politischen Abteilung. Von 1992 bis 1995 leitete der das Pressereferat an der Botschaft in Spanien.

Nach einer Tätigkeit als Stellvertretender Referatsleiter für Gesamteuropäische politische Strukturen, OSZE und den Mittelmeerraum in der Politischen Abteilung des Auswärtigen Amtes von 1995 bis 1999 war er zwischen 1999 und 2003 Leiter der Politischen Abteilung an der Botschaft in der Volksrepublik China. Von 2003 bis 2007 war er Referatsleiter für den Südkaukasus und Zentralasien in der Politischen Abteilung (Referat 207) und damit für die Länder Armenien, Aserbaidschan, Georgien, Turkmenistan, Usbekistan, Kasachstan, Tadschikistan sowie Kirgisistan zuständig. Von August 2007 bis August 2011 war er Botschafter in Vietnam und anschließend bis 2015 Botschafter in Thailand. Im September 2015 wurde Rolf Schulze dann Botschafter in Chile. Er übergab dieses Amt im August 2019 an Christian Hellbach. Seit dem 28.10.2021 ist er nun Vorstandsvorsitzender der Deutsch-Vietnamesischen Gesellschaft.