Bosnien und Herzegowina. Ein Land mitten in Europa, nicht in EU

Im Rahmen einer mehrtägigen Wirtschaftsreise konnte von Michael Heilig Treffen und Kontakte mit der dortigen Wirtschaft und Politik genutzt und wahrgenommen werden. Alle Gespräche waren von einer gegenseitigen Aufbruchsstimmung geprägt.

Foto: Michael Heilig. MITTELSTAND.BVMW Donau-Ries im Wirtschaftsdreieck Bayerisch Schwaben, Mittelfranken, Ostalb

Ein Land, das sich mitten in Europa, aber noch nicht in der EU befindet

Zur Situation in Bosnien und Herzegowina

Bosnien und Herzegowina ist ein Nachfolgestaat der ehemaligen Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien. Kurz nach einem Referendum im März 1992, bei dem sich mehr als 60 Prozent der Wählerinnen und Wähler für die Unabhängigkeit aussprachen, begann ein Krieg, der bis 1995 andauerte. Im November 1995 gaben die Kriegsparteien ihre Zustimmung zum Friedensabkommen von Dayton, das unter Beteiligung der Europäischen Union und der USA zustande kam. Die Verfassung des Landes ist in diesem Friedensabkommen festgelegt. Bosnien und Herzegowina wird seit dem Europäischen Rat von Santa Maria da Feira im Juni 2000 als „potenzieller Beitrittskandidat“ betrachtet. Am 15. Februar 2016 hat das Land seinen Beitrittsantrag bei der EU gestellt.

Deutschland unterstützt die Annäherung Bosnien und Herzegowinas an die Europäische Union nachhaltig

Deutschland und Bosnien und Herzegowina verbinden seit langem enge politische, wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen. Die Bundesrepublik ist einer der größten bilateralen Geber für Bosnien und Herzegowina und einer der wichtigsten außenpolitischen Partner und Fürsprecher des Balkanlandes in der Europäischen Union. So hat die enge Zusammenarbeit mit Deutschland geholfen, den wirtschaftlichen und sozialen Reformprozess des Landes zu fördern und das Land auf seinem Weg der Annäherung an die EU voranzubringen: Das Stabilisierungs- und Assoziierungsabkommen mit der EU trat am 1. Juni 2015 in Kraft.

Die ursprünglich für November 2018 vorgesehen Regierungsgespräche wurden wegen Wahlen im Land und der bis Ende 2019 andauernden Regierungsbildung abgesagt; später mussten sie aufgrund der Covid-19-Krise weiter verschoben werden. Im Jahr 2020 erfolgte eine Zwischenzusage in Höhe von elf Millionen Euro. Als Reaktion auf die Coronakrise wurde unter anderem eine deutsche Zusage für den Europäischen Fonds für Bosnien und Herzegowina in Höhe von fünf Millionen Euro gegeben. Für 2021 sind außerplanmäßige Regierungsgespräche mit weiteren Zusagen für Unterstützung bei der Bewältigung der Coronakrise vorgesehen. Ab 2022 werden dann Regierungsverhandlungen im vorgesehenen Zweijahresrhythmus stattfinden.

Die Schwerpunkte des deutschen Engagements liegen auf Energie und nachhaltiger Wirtschaftsentwicklung.

Handel und wirtschaftliche Beziehungen - das Land verfügt über ein großes Potenzial

Zuletzt stieg das jährliche Handelsvolumen auf über 1,7 Milliarden Euro. Rund 250 Unternehmen mit deutschem Kapital sind vor Ort tätig und schaffen Arbeitsplätze für die Menschen in diesem Land. Um noch mehr deutsche Investoren anzuziehen, sind vor allem politische Stabilität, effizientes Verwaltungshandeln und gut ausgebildete Arbeitnehmer wichtig.

Bosnien und Herzegowina ist ein Transformationspartner der deutschen Entwicklungszusammenarbeit. Das deutsche Engagement in Bosnien und Herzegowina konzentriert sich auf den Bereich nachhaltige Wirtschaftsentwicklung sowie auf die Förderung der erneuerbaren Energie und Energieeffizienz.

Insbesondere die Covid-19-Pandemie und die damit zusammenhängenden Produktionsschwierigkeiten und Lieferengpässe verursachen Änderungen in der Geschäftswelt. Unter den deutschen Unternehmern wird der Wunsch nach einer Lösung immer deutlicher. Aus der mitteleuropäischen Sicht bedeutet dies in der Regel die Verlagerung in die osteuropäischen Länder. In diesem konkreten Fall wäre das für Bosnien und Herzegowina eine gute Lösung. Das Land verfügt über ein unglaubliches Potenzial, und zwar nicht nur in der Holzbearbeitungsindustrie, die bereits gut entwickelt ist. Renommierte schwedische und österreichische Möbelhersteller lassen beispielsweise schon seit Jahren dort produzieren. Die bosnisch-herzegowinischen Unternehmen begrenzen sich jedoch nicht nur auf solche Produkte, sondern versuchen sich auf innovativen Gebieten, die viel Pioniergeist erfordern wie z. B. Herstellung von hochwertigen Musikinstrumenten, Booten u. Ä. Ein hervorragendes Beispiel dafür sind die Firmen MK Guitars aus Travnik, die bereits für deutsche Kunden erlesene Gitarren herstellt, sowie Derubis Yachts aus Vitez, die seit 2019 Katamarane für die internationalen Märkte produziert.

Der BVMW vor Ort, Michael Heilig zu Besuch in Bosnien und Herzegowina

Die Hauptstadt des Landes, Sarajevo, punktet mit dem gut erhaltenen historischen Stadtkern Baščaršija und mit Sehenswürdigkeiten wie der Gazi-Husrev-Beg-Moschee aus dem 16. Jahrhundert. Auf der aus osmanischer Zeit stammenden Lateinerbrücke fand das Attentat auf Erzherzog Franz Ferdinand statt, das zum Auslöser des 1. Weltkriegs wurde.

Die besondere, historisch bedeutende Stadt war der Ausgangspunkt für die zahlreichen Wirtschaftstreffen, an denen Michael Heilig, Leiter des Kreisverbandes Donau-Ries aus dem Wirtschaftsdreieck Bayerisch Schwaben, Mittelfranken, Ostalb teilnahm.

So fanden vom 19. bis 22. August 2021 dort mehrere Begegnungen und Gespräche statt. Ansprechpartner waren lokale Unternehmer, von denen einige bereits sehr gute Kontakte nach Deutschland pflegen. Ein großes Thema war Nearshoring bzw. Nearshoring Outsourcing, das zurzeit immer mehr an Bedeutung gewinnt. Unter Nearshoring versteht man die Verlagerung betrieblicher Aktivitäten ins nahegelegene Ausland, während Nearshoring Outsourcing eine Verlagerung betrieblicher Aktivitäten im nahegelegenen Ausland bei einem Partnerunternehmen bedeutet.

Das erfolgreiche und freundschaftliche Wirtschaftstreffen mit zahlreichen Unternehmer:innen diente der Vertiefung der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Beziehungen beider Länder. Gemeinsam wurde eine gute Basis für die weitere Zukunft gelegt. Und mit Michael Heilig hat Bosnien und Herzegowina einen verlässlichen Freund und Unterstützer auf diesem Weg.

Darüber hinaus Austausch bei einem 10jährigen Firmenjubiläum in Sarajevo

Am 20. August feierten Jens Ceribašić und Nihad Velagić, Vorstandsmitglieder der Firma CORE aus Sarajevo, ihr 10-jähriges Jubiläum und luden dazu u.a. mehrere namhafte deutsche Unternehmen aus ihrem Kundenkreis ein. CORE ist auf dem Gebiet der Entwicklung im Maschinenbau / Automotive sowie auf dem Gebiet der Informationstechnik, insbesondere die Oracle-Produkte betreffend (Integration, Betreuung), tätig. Die Firma beschäftigt viele junge Ingenieure und IT-Fachleute. Mit CORE MUC GmbH, Dienstleister in den Bereichen Entwicklung und Konstruktion, hat das Unternehmen aus Sarajevo eine Partnerfirma in Deutschland gewonnen. Diese „Geschäftsbrücke“ zwischen den beiden Ländern eröffnet neue Perspektiven und könnte als Beispiel für andere deutsche und bosnisch-herzegowinische Unternehmen dienen.

Bestehende Kooperationen und Ausblick

Dreh- und Angelpunkt für die wirtschaftlichen Beziehungen mit Bosnien und Herzegowina ist das Unternehmen VRDOLJAK, Unternehmensberatung und Übersetzungen, sowie eine gleichnamige Rechtsanwaltssozietät, welche wie auch CORE eine deutsche Niederlassung in Süddeutschland hat. Beide sind Mitglieder des MITTELSTAND.BVMW und tragen somit zu einem sehr tragfähigen Netzwerk auf dem Westbalkan und in Deutschland bei.

Im Rahmen der mehrtägigen Wirtschaftsreise konnten nachfolgende Treffen und Kontakte mit der dortigen Wirtschaft und Politik genutzt und wahrgenommen werden:

Treffen mit deutschen Unternehmen aus Deutschland aus den Bereichen: Rechtswissenschaften, Gesundheitswesen, Personalwesen und Weiterbildung, Touristik, Ingenieurswesen, Finanzwesen, etc. Treffen mit bosnischen Unternehmen aus dem Bereich der Möbelherstellung, Sicherheitswesen, Alarmanlagen, Sonderfahrzeugbau, Bildung, Immobilien, Baugewerbe, Steuer- und Rechtsberatung, HR und Recruiting, diverse mittelständische Autozuliefererbetriebe, Bootsbau u.a..

Alle Gespräche waren von einer gegenseitigen Aufbruchsstimmung geprägt und lassen für die Zukunft weitere und intensivere Wirtschaftsbeziehungen in beide Richtungen erwarten. So können für deutsche Unternehmen viele Unternehmen aus den unterschiedlichsten Branchen als Partner von Interesse sein. Denn die Qualität der dort vorhandenen Produktionsstätten ist hoch und gut.

Auch die Firma Komel d.o.o könnte für deutsche Unternehmen als Partner von Interesse sein. Sie ist im Elektro- und Automotive-Bereich tätig und verfügt über eine geräumige Produktionsstätte in einem Vorort von Sarajevo.

Auch im sozialen Bereich gab es verschiedene Treffen. So fand u. a ein Termin mit Verantwortlichen des Vereins „Herz und Hand für Kinder in Not e.V.“ statt. Darüber hinaus regte der Rotary Club Schwabach, aus dem mehrere MitgliederInnen zu Besuch waren, ein Treffen mit Regierungsbeteiligung in Sarajevo an.

Denn auf dem Gebiet der Gesundheitsversorgung gibt es in Bosnien und Herzegowina einen großen Nachholbedarf. Die gesetzliche Lage ist nicht klar, es gibt keine Pflegeversicherung, keine kostenfreien Angebote für die Pflege-/Haushalts- und Familienunterstützung und kaum ambulante Pflegedienste. Es herrscht außerdem ein Pflegekräftemangel, unter anderem durch die Abwanderung gut ausgebildeten Personals, das zum Teil auch in Deutschland arbeitet. Initiiert vom Rotary Club kam es auch zu Gesprächen über das Thema Bildung in der Pflege bzw. zur Idee der Konzipierung von Lehrgängen für Aushilfskräfte. Das Ziel dieser Initiative ist die Schaffung gezielter Weiterbildungsmöglichkeiten und dadurch die Sicherstellung von Erwerbsmöglichkeiten. Die Bindung von (Fach)Kräften in Bosnien und Herzegowina wird dabei großgeschrieben. Denn das Bewusstsein der Menschen für diese Problematik entwickelt sich stetig: Immer mehr dortige Familien werden mit einer Situation konfrontiert, in der die Kinder im Ausland arbeiten und die Eltern im Alter ohne fremde Hilfe nicht mehr zurechtkommen. Solche Initiativen und Projekte sind von großer Bedeutung, denn sie ermöglichen, dass die Pflege vor Ort gesichert und die Gesundheitsversorgung vervollständigt wird.

Der dortige Leiter des Gymnasiums Professor Benjamin Hedzic, dessen Schule zu dem Programm der deutschen Bundesregierung „Schulen: Partner der Zukunft“ gehört, wies auch auf das breite Kulturangebot und die gute Kenntnis der deutschen Sprache vieler Menschen und Fachkräfte in Bosnien und Herzegowina hin.

Auf dem Weg in die EU – eine große Anzahl von Flüchtlingen

Ein ernstes Problem für das kleine Land Bosnien und Herzegowina ist die große Anzahl an Geflüchteten, die auf ihrem Weg in die EU dort gestrandet sind. Zwischen diesen verzweifelten Menschen und der einheimischen Bevölkerung kommt es immer wieder zu Missverständnissen und Konflikten, es werden sogar Straftaten verübt. Die Geflüchteten, die entweder unter zum Teil unbeschreiblich schlechten Bedingungen in Aufnahmecamps untergebracht werden oder umherziehen, brechen in ihrer Not in Häuser der Einheimischen ein. Die Einheimischen haben dafür kein Verständnis, vor allem da die meisten von ihnen selbst am Existenzminimum leben. Andererseits gibt es tragische Geschichten von Familien, die seit Jahren auf der Flucht sind und kein Ende ihres Martyriums sehen. Die Vertreter des Rotary Clubs Gera, die in Bosnien und Herzegowina eine Initiative zur Nothilfe für diese Menschen gestartet haben, berichteten z. B. von einem afghanischen Kind, das auf der Flucht geboren wurde und nun schon 6 Jahre alt ist. Dieses Kind kennt nichts anderes als Unsicherheit, Bedrohungen, Notunterkünfte. Viele dieser Menschen sind in Bosnien und Herzegowina gestrandet, einem Land, das selbst jahrelang unter einem furchtbaren Krieg litt. Diese menschlichen Tragödien und Probleme bedürfen einer strukturellen Lösung von Seiten der EU, können aber im Vorfeld durch gut durchdachte Hilfsprojekte zumindest gelindert werden.

 

Lesen Sie jetzt: