Werkzeugkasten für die Wirtschaft

Margit Schmitz, BVMW Wirtschaftsregion Köln, Rhein-ERft-Kreis im Interview mit Reinhard Karger, Pressesprecher des Deutschen Instituts für künstliche Intelligenz, Saarbrücken.

Margit Schmitz / Die Wirtschaft: Herr Karger, können Sie den Begriff künstliche Intelligenz (KI) in knapper Form definieren?

 

Reinhard Karger: Künstliche Intelligenz ist die Digitalisierung menschlicher Wissensfähigkeiten. Eine nüchterne Betrachtung, die den von Exzessen geprägten Diskussionen in den Medien und bei vielen Begegnungen gegenübersteht. Das gilt für euphorische Erwartungen und hysterische Befürchtungen. Beide Haltungen verpassen Chancen und Risiken.

 

Wo könnte mir KI am ehesten begegnen? Im privaten Umfeld oder im Arbeitsleben?

 

Ihnen begegnet KI, wenn Muster von Massendaten abgeleitet und auf dieser Basis Aktionen ausgeführt werden. Das kann der Spamfilter sein, der Ihr E-Mail-Aufkommen reduzieren hilft, oder die Empfehlungsmaschine, die für Sie passende und hilfreiche Angebote zusammenstellt, die zu Ihren Wünschen oder zum Wetter passen, Es geht gar nicht um privat oder beruflich, sondern um das jeweilige Tun. Ihr Smartphone nutzt KI-Ergebnisse für die Aufladung des Akkus, die Waschmaschine für die Reduktion des Wasserverbrauchs, das Navigationssystem für die Routenberechnung, die Ampelschaltung für die grüne Welle. All diese alltäglichen Anwendungen basieren auf Ergebnissen der KI-Forschung.

 

Wie weit ist KI dran an der menschlichen Intelligenz? Bei 50 Prozent? Bei 90 Prozent? Oder kann die KI dem Menschen gar den Rang ablaufen?

 

Menschliche Intelligenz ist multidimensional. Sie zeigt sich u.a. in sensomotorischen, kognitiven, emotionalen und sozialen Fähigkeiten. Menschen setzen sie ein beim Erkennen und Benennen von Objekten, beim Verstehen von Sprache, bei der Produktion von Sätzen oder beim „Lesen zwischen den Zeilen“.  Auch das Geben und Greifen, das Gehen und Ausweichen sind menschliche Fähigkeiten, bei denen Ziel und Plan, Aktion und Kontext berücksichtigt werden. Ich möchte jeden Aspekt Ihrer Frage bejahen. Bei den sensomotorischen Aspekten sehe ich KI noch nicht bei 50 Prozent, bei den kognitiven eher bei 90 Prozent, wenn es um Sichtung und Anomalieerkennung geht und nicht um Sprachverstehen und kreative Inhaltsproduktion. Wenn Sie an Schach oder Go denken, können selbst Weltmeister nicht mithalten. Aber KI ist ein Werkzeug und wie der Hammer nur sinnvoll in der Hand des Menschen.

 

Können Sie anhand von Beispielen darstellen, wo uns KI im Alltag begegnet?

 

Mein Lieblingsbeispiel, das den Werkzeugcharakter von KI illustriert, ist die maschinelle Textübersetzung. MT ist eine enorme Unterstützung für die multilinguale Textproduktion, die heute von den Mitarbeitenden erwartet wird. Da auch kleinere Unternehmen mit internationalen Teams arbeiten, müssen Mails oft zweisprachig sein. KI ist die Lösung und DeepL aus Köln liefert den – kostenlosen – Service, der dazu führt, dass die Mitarbeitenden länger über Inhalte und weniger über Fragen der Übersetzung nachdenken. Aber es gibt eine Voraussetzung: Man muss die Zielsprache passiv ausreichend beherrschen, um zu beurteilen, ob das Übersetzungsergebnis den quellsprachlichen Inhalt korrekt wiedergibt. Der maschinell übersetzte Text sollte nie ohne inhaltliche Prüfung verwendet werden. Die möglichen Katastrophen sind größer als der Nutzen.

 

Inwieweit wird KI die Arbeitswelt bestimmen? Für welche Branchen wird KI eine besondere Rolle spielen und welche Chancen ergeben sich für die Wirtschaft?

 

KI wird die Arbeitswelt nicht bestimmen, sondern arbeitsweltlich genutzt werden wie Strom oder Telefon, und das tagtäglich und in allen Branchen. Das gilt für den Landwirt, den Designer, den Ingenieur, den Arzt, den Busfahrer oder den Bäcker. Lieferketten werden robuster, Auslieferungen pünktlicher, Prozesse flexibler, Bedarfseinschätzungen realistischer, Mitarbeitende zufriedener, Ressourceneinsatz transparenter, Recycling effizienter, Wertschöpfung unternehmensübergreifender. Jeder sollte sich für KI interessieren. Wir brauchen Werkzeugrealismus und Neugier, die den Rückspiegel nicht aus den Augen verliert und sich aktiv für die Perspektiven interessiert.

Den Beitrag und noch viele weitere finden Sie in der Online Ausgabe "Die Wirtschaft"