„Viele sind in existenziellen Notlagen“

Die Kreativagentur ZEPTER&KRONE macht mit ihrer Initiative WIR-SIND.BERLIN erfolgreich auf die Rettungslücke im Berliner Mittelstand aufmerksam – DER Mittelstand im Interview mit Geschäftsführer Roman Kaupert.

DER Mittelstand.: Stellen Sie sich und Ihre Initiative kurz vor: Wie und warum haben Sie sich gegründet?

Roman Kaupert: In der Coronakrise war frühzeitig absehbar, welche negativen Auswirkungen die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Einschränkungen haben werden. Auf viele der wirtschaftlichen Aspekte wurde durch verschiedene Hilfspakete reagiert – oft mit einiger Verzögerung und häufig den Eindruck von Klientelpolitik verursachend.

Nachdem sich immer mehr abzeichnete, dass der Senat den Berliner Mittelstand im bundesweiten Vergleich zu wenig unterstützt, wollten wir auf diese Gerechtigkeits- und Rettungslücke aufmerksam machen. Denn es geht nicht nur um eine Frage der Gerechtigkeit, viele Berliner Mittelständler sind tatsächlich in existenziellen Notlagen oder drohen, in solche zu kommen. Da geht es natürlich zum einen um das Unternehmen selbst, aber eben genauso um die damit verbundenen Arbeitsplätze und Perspektiven für Berlin: Zu Steuereinnahmen, touristischer Attraktivität und anderem leistet der Mittelstand in Berlin maßgebliche Beiträge.

Mit welchen Auswirkungen der Coronakrise haben die Unternehmer zu kämpfen?

Die Auswirkungen der Coronakrise für die Berliner Wirtschaft sind für alle verheerend, in der Gastronomie, in der Hotellerie, im Handel und im Tourismus sind sie katastrophal. Der Berliner Mittelstand hat zu Recht schnelle und unbürokratische Soforthilfen erwartet und bis heute nicht erhalten. Auch mit dem zuletzt vorgestellten Soforthilfe-Paket V werden die mittelständischen Unternehmen in Berlin weiter Richtung Kredite gelotst, während andere Betroffene ohne Umwege direkte Zuschüsse erhalten. Mittelständler müssen dagegen als Kreditnehmer erst abgelehnt werden, bevor sie auf Zuschüsse hoffen können. Aber Kredite in der Coronakrise sind trotz angedeuteter Tilgungszuschüsse besonders problematisch, denn sie ändern nichts daran, dass sich die Betriebe zunächst verschulden müssen – ohne zu wissen, ob und in welcher Höhe sie am Ende bei der Tilgung entlastet werden. In normalen Zeiten greifen Unternehmen auf Kredite zurück, um gewerbliche Investitionen für die Zukunftsfähigkeit des eigenen Geschäftsmodells zu tätigen. Der KfW-Schnellkredit dient hingegen dem Zweck, das eigene Überleben in der Coronakrise zu sichern. Für den Berliner Mittelstand ist ein Zuschusssystem erforderlich, das die Unternehmer aus ihrer Rolle als Bittsteller entlässt und sie nach klar definierten Kriterien zu Anspruchsberechtigten macht. Kredite helfen häufig nur bedingt, da nicht in allen Branchen Nachholeffekte möglich sind und die Betriebe in der neuen Normalität in einem schwierigeren Marktumfeld mit geringeren Gewinnmargen und mit einem Berg Schulden den Neuanfang schaffen müssen. Deshalb sind nicht rückzahlbare Zuschüsse in dieser unmittelbaren Notlage so wichtig für den Mittelstand.

Was fordern Sie von der Politik?

Unsere Hauptforderung bezieht sich auf die Schließung der Gerechtigkeits- und Rettungslücke im Berliner Mittelstand.

Der Senat von Berlin hat mit verschiedenen Soforthilfe-Paketen Solo-Selbständige, Kleinstunternehmen, Kulturbetriebe und andere berücksichtigt. Trotz des Anspruchs der Landesregierung, alle „schnell und unbürokratisch unterstützen [zu] wollen, um Existenzen zu sichern und Arbeitsplätze zu retten” (Wirtschaftssenatorin Ramona Pop), bleibt der Berliner Mittelstand dahingehend völlig unberücksichtigt. Dabei besteht hier nicht nur eine Gerechtigkeitslücke – viele Betriebe sind zunehmend von existenziellen Notlagen bedroht.

Deshalb fordern wir eine unverzügliche, paritätische Lösung für den Mittelstand: Je Mitarbeiter (Vollzeitäquivalent) 1.000 Euro Soforthilfe als nicht zurückzuzahlenden Zuschuss – vollkommen unberührt hinsichtlich der Klarheit darüber, dass nun sehr kurzfristig auch seitens des Bundes entsprechende Konjunkturprogramme, Steuersenkungen bzw. andere fiskalpolitische Instrumente zur Unterstützung der mittelständischen Wirtschaft an den Start gebracht werden müssten. Und wenn der Senat von Berlin mit Wirtschaftssenatorin Ramona Pop hinsichtlich der nicht rückzahlbaren Zuschüsse für den Berliner Mittelstand weiterhin untätig bleibt, rufen wir den Bund um Hilfe, denn andernfalls verliert doch jeder Unternehmer sein Verständnis bezüglich eines in der Bundesrepublik Deutschland funktionierenden Föderalismus als staatlichem Organisationsprinzip.

Wie kann man sich an der Initiative beteiligen?

Jeder kann die Inhalte der Initiative in Social Media oder in der Öffentlichkeit teilen. Wir stellen dafür sogenannte Share-Pics, Aufkleber und Plakate zur Verfügung – unterstützt durch Berliner Druckereien, die diese kostenlos drucken. Ausdrucken kann man die Plakate ebenso selbst, wir stellen die Druckdaten für jeden kostenfrei auf der Website zur Verfügung. Und wer möchte, kann auch ein kurzes Zitat senden, welches wir auf der Website veröffentlichen.

Eine sehr wichtige Form der Beteiligung, die Unterstützung durch Druckereien, einen bekannten Fotografen und ein Filmteam, war so von uns gar nicht erwartet gewesen – das kann anderen gerne als Vorbild dienen. Wer also eine gute Idee hat, schreibt uns einfach.

Wie wird WIR-SIND.BERLIN angenommen?

In viele Berliner Schaufenster wurden Plakate gehängt, ein dpa-Fotograf hat das dokumentiert und Fotos davon sind in vielen regionalen und überregionalen Medien in ganz Deutschland zu sehen gewesen – von ZDF bis hin zu Schweriner Volkszeitung. rbb Abendschau, tvBerlin und viele Newsletter haben von WIR-SIND.BERLIN berichtet. Viele Menschen haben die auf der Website zur Verfügung gestellten Materialen wie Plakate und Share-Pics heruntergeladen. Außerdem gab es viel Zuspruch aus der Unternehmerschaft und von Berliner Abgeordneten, unzählige Likes, Shares und Kommentare, viel Lob und unglaublich viel ganz praktische Unterstützung von Berliner Druckereien und Kreativen wie Robert Schlesinger oder C’EST LA WHAT.

Wie geht es nach der Coronakrise mit der Initiative weiter?

Im Idealfall für den Berliner Mittelstand hat sie ihren Zweck erfüllt; irgendwann wird das alles ein historischer Moment sein, vielleicht haben wir dann einmal das, was im Frühjahr und Sommer 2020 in Berlin geschehen ist, zur Erinnerung aufbereitet. Die im Rahmen der Initiative neu entstandenen Kontakte und Verbindungen werden sicherlich so oder so bestehen bleiben.Vielleicht erwächst daraus aber mehr, etwas ganz Neues – wir arbeiten bereits an ersten Ideen.

Was wünschen Sie sich in Zukunft für den Mittelstand in Deutschland?

Gern gelobt, oft benachteiligt – den Eindruck hat man derzeit zur Situation des Mittelstandes in Deutschland. Ein Wunsch wäre daher mehr Fairness, ob Krise oder nicht. Wenn die ganz Großen eigene Steuersparmodelle entwickeln, benachteiligt das den deutschen Mittelstand genauso wie die Berliner Rettungslücke in der Coronakrise.

Sie möchten mitmachen? Dann klicken Sie hier.

Zepter und Krone GmbH

Geschäftsführer Roman Kaupert

Telefon: +49 30 254690-500 E-Mail: info@zepterundkrone.de

© Robert Schlesinger und ZEPTER&KRONE