Ein Bündel 100-Euro-Scheine

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02.03.2026

Der Preis der Stabilität

Ist das Schlimmste überstanden? Trotz moderatem Wachstum steht der exportorientierte Mittelstand vor neuen Hürden durch Währungsverschiebungen und US-Zölle. Erfahren Sie, ...

...warum der Fokus 2026 nicht auf Expansion, sondern auf Produktivität und der Sicherung der eigenen Substanz liegen sollte.

Der Blick auf die makroökonomischen Fundamentaldaten des Euroraums im Herbst 2025 lädt auf den ersten Blick zu einer vorsichtigen Entwarnung ein. Die Inflation, über Jahre das Damoklesschwert der europäischen Geldpolitik, hat sich im Oktober 2025 bei 2,1 Prozent eingependelt und liegt damit fast punktgenau auf dem Zielwert der Europäischen Zentralbank (EZB). Auch die Konjunktur sendet Lebenszeichen: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Euroraum legte im dritten Quartal 2025 um 0,3 Prozent zu.

Diese aggregierten Zahlen suggerieren eine Rückkehr zur Normalität. Doch wer tiefer in die Daten blickt, erkennt, dass wir es nicht mit einem breiten Aufschwung zu tun haben, sondern mit einer fragilen Stabilisierung, die massive strukturelle Divergenzen verdeckt. Für den deutschen Mittelstand stellen sich die Weichen für 2026 komplexer dar. Wir sehen eine Zweiteilung der Wirtschaft: Während die Dienstleistungsproduktion im Euroraum stabilisierend wirkt, kämpft die Industrie mit einer volatilen Auftragslage. Bezeichnend ist hier der Blick auf Deutschland: Während die Eurozone insgesamt wuchs, verzeichnete die deutsche Wirtschaft im dritten Quartal 2025 lediglich eine schwarze Null.

Die Zinswende und die neue Realität der Kapitalkosten

Ein entscheidender Faktor für Investitionsentscheidungen im kommenden Jahr bleiben die Finanzierungskosten. Die EZB hat den Zinserhöhungszyklus beendet, was sich in einer Stabilisierung der Kreditkosten niederschlägt. Im Oktober 2025 lag der gewichtete Zinssatz für neue Unternehmenskredite bei 3,5 Prozent. Dies schafft zwar Planungssicherheit, doch das Zinsniveau bleibt im Vergleich zur Niedrigzinsphase der 2010er Jahre spürbar erhöht. Für den Mittelstand bedeutet dies: Die Zeit des „billigen Geldes“ kehrt so schnell nicht zurück. Investitionen müssen sich nun durch echte Produktivitätsgewinne rechnen, nicht durch günstige Finanzierung. Auf der Kostenseite gibt es jedoch Entlastung: Die Erzeugerpreise in der Industrie sanken im Oktober 2025 um 0,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr, primär getrieben durch einen Rückgang der Energiekosten um 3,9 Prozent. Diese Deflation auf der Erzeugerebene schafft kurzfristig Margenspielraum, der jedoch durch Lohnsteigerungen teilweise wieder aufgezehrt wird.

Das Währungsdilemma: Starker Euro, schwacher Export?

Ein unterschätztes Risiko für 2026 liegt in der Währungspolitik. Der US-Dollar verliert global tendenziell an Dominanz – sein Anteil an den weltweiten Zentralbankreserven ist seit 2015 von über 60 Prozent auf unter 50 Prozent gesunken. Politische Unsicherheiten in den USA könnten diesen Trend verstärken und den Euro aufwerten lassen. Für den binnenmarktorientierten Mittelstand ist ein stärkerer Euro eine gute Nachricht: Er verbilligt Importe, insbesondere Energie und Rohstoffe, und dämpft so die importierte Inflation. Für die exportorientierte deutsche Industrie ist dies jedoch ein zweischneidiges Schwert. Deutsche Güter werden auf dem Weltmarkt teurer. In einem Szenario, in dem der Euro gegenüber dem Dollar deutlich aufwertet, könnten europäische Exporte spürbar zurückgehen, während Importe günstiger werden und zunehmen. Dies erhöht den Wettbewerbsdruck auf heimische Hersteller massiv, da ausländische Konkurrenten Preisvorteile nutzen können.

Geopolitik und Handelshemmnisse als Wachstumsbremse

Die makroökonomische Lage wird durch geopolitische Realitäten verschärft. Die USA bewegen sich auf ein protektionistisches Handelsregime zu. Dies betrifft nicht nur China, sondern trifft als Kollateralschaden auch europäische Exporteure. Modellrechnungen zeigen, dass US-Zölle das BIP-Wachstum der EU dämpfen könnten, da Handelsströme umgeleitet werden.

Gleichzeitig bleibt die Abhängigkeit von China bei kritischen Rohstoffen ein strategisches Klumpenrisiko. Deutschland bezieht beispielsweise fast 90 Prozent seiner Permanentmagnete – essenziell für Windkraft, Robotik und E-Mobilität – direkt aus China. Zwar sanken die Preise für Seltene Erden zuletzt aufgrund eines Überangebots, doch die physische Verfügbarkeit bleibt politisch verwundbar. 

China kontrolliert weiterhin über 90 Prozent der globalen Raffination bei Seltenen Erden. Exportkontrollen zeigen, wie schnell Lieferketten politisiert werden können. Eine Diversifizierung ist theoretisch möglich, aber langwierig: Bis 2030 könnten zwar bis zu 13 Kilotonnen Produktionskapazität für Magnete in Europa entstehen, doch das deckt nur einen Bruchteil des Bedarfs.

Konsolidierung statt Boom

Für das Jahr 2026 zeichnet sich kein selbsttragender Boom ab, sondern eine Phase der Konsolidierung. Die sinkende Inflation und stabile Zinsen bieten zwar ein Fenster für Investitionen in die eigene Substanz, doch dieses Fenster ist klein. Der Außenhandel wird durch Währungseffekte und protektionistische Tendenzen zum Gegenwind. Erfolgreich werden jene Unternehmen sein, die die aktuell stabilen Erzeugerpreise nutzen, um ihre Effizienz zu steigern, statt auf ein Anziehen der globalen Nachfrage zu wetten. Die Daten zeigen unmissverständlich: Wachstum kommt nicht mehr automatisch durch Exportüberschüsse, sondern muss durch Produktivität im Binnenmarkt erarbeitet werden

Gut zu wissen

  • Die Inflationsrate im Euroraum ist im Oktober 2025 auf 2,1 Prozent gesunken, was primär auf sinkende Energiepreise und eine moderatere Preisentwicklung bei Industriegütern zurückzuführen ist
  • Der Zinssatz für neue Firmenkredite hat sich bei rund 3,5 Prozent stabilisiert. Banken verschärfen jedoch teilweise die Vergaberichtlinien aufgrund geopolitischer Risiken
  • Trotz globaler Spannungen verzeichnete der Euroraum im September 2025 einen Handelsüberschuss von 19,4 Milliarden Euro, getrieben durch den Chemiesektor
Jasper Lüke, Junior Referent Steuern und Finanzen

Jasper Lüke

Referent Steuern, Finanzen und Konjunktur

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