Mit Teilqualifizierungen gegen den Fachkräftemangel

Die Unternehmen in Deutschland sehen sich zwei großen Herausforderungen gegenüber: einerseits der Überwindung des Fachkräftemangels, andererseits der Bewältigung der digitalen, ökologischen und demografischen Transformation.

Foto: © NDABCREATIVITY von stock.adobe.com
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Arbeitsplätze und Berufsbilder verändern sich grundlegend, alte fallen ganz weg, neue kommen hinzu.

Einer Studie der Bertelsmann-Stiftung zufolge hat die traditionelle Zweiteilung in ausgelernte Fachkräfte und ungelernte Hilfskräfte auf dem deutschen Arbeitsmarkt keine Gültigkeit mehr. Viele Unternehmen suchen nicht länger nur den Allround-Profi, sondern verstärkt auch die Fachkraft mit Kompetenzen, die nur Teile eines Berufsbildes abdecken. So sind vier von fünf Unternehmen bereit, Menschen als Fachkräfte einzustellen, die zwar über keinen vollen Berufsabschluss verfügen, aber Kompetenzen in einem oder mehreren betrieblichen Einsatzfeldern nachweisen können, indem sie erfolgreich Teilqualifizierungen absolviert haben. Teilqualifizierungen stellen eine besondere Art der beruflichen Weiterbildung von Erwachsenen dar. Das gesamte Berufsbild, also alle Lehrinhalte der amtlichen Ausbildungsrahmenpläne sowie der Rahmenlehrpläne der Kultusministerkonferenz werden auf fünf bis acht selbstständige Module verteilt. Diese dauern zwischen zwei und sechs Monaten. Jedes Modul deckt vollständig ein betriebliches Einsatzfeld ab und endet mit einer Abschlussprüfung („Kompetenzfeststellung“) – entweder durch die zuständige Kammer oder durch den Prüfungsausschuss eines anerkannten Bildungsdienstleisters. Jedes Modul gewährleistet für sich allein die qualifizierte Einsatzfähigkeit im Betrieb, ist so auch arbeitsmarktrelevant.

Vorteile der Teilqualifizierung

Für Unternehmen, gerade auch für KMU mit weniger personellen, organisatorischen und finanziellen Ressourcen als Großunternehmen, bieten Teilqualifizierungen als Instrument der Fachkräftesicherung gleich mehrere wichtige Vorteile: Die berufliche Qualifizierung erfolgt passgenau für konkrete betriebliche Einsatzfelder und damit für die Unternehmen bedarfsgerecht. Die Zeitdauer der einzelnen Module ist, anders als bei Umschulungen, überschaubar. Die für die Qualifizierung erforderliche Freistellung von der Arbeit wiegt oft nicht viel schwerer als der Jahresurlaub der Beschäftigten. Ohne Freistellungsaufwand können Teilqualifizierungen aber auch bereits vor Eintritt in das Unternehmen absolviert werden. Das Durchhaltevermögen der Beschäftigten wird nicht über Gebühr in Anspruch genommen. Die erfolgreiche Teilnahme erlaubt es den Unternehmen, die Absolventen unmittelbar in den neuen betrieblichen Einsatzfeldern qualifiziert einzusetzen. Teilqualifizierungen umfassen gleich der dualen Berufsausbildung Phasen von Unterricht und Praxis im Betrieb. Anders als bei den Anpassungsfortbildungen besteht volle Transparenz über die erworbenen Kompetenzen. Die Durchführung kann Bildungsdienstleistern übergeben werden, sodass man hierfür kein eigenes Know-how benötigt sowie keine eigenen personellen und organisatorischen Ressourcen einsetzen muss. Die Qualität der Teilqualifizierungen wird durch die Verbindlichkeit der amtlichen Ausbildungsrahmenpläne gesichert. Zudem gibt es am Bildungsmarkt anerkannte Standardisierungssysteme, vor allem „MyTQ“ des Bundesverbands der Träger beruflicher Bildung e. V. (BBB) in Zusammenarbeit mit der Bertelsmann-Stiftung.

Fördermöglichkeiten

Für KMU bieten sich mittlerweile auch bei der Finanzierung attraktive Optionen. Für Geringqualifizierte ganz ohne oder ohne verwertbaren Berufsabschluss übernimmt der Staat unter Umständen alle Kosten der Teilqualifizierungen. Ansonsten gibt es für Unternehmen, die ihre Beschäftigten beruflich weiterbilden, die Möglichkeit einer öffentlichen Kofinanzierung. Je kleiner das Unternehmen, umso höher die Förderung. Außerdem könnte sich aus der Umsetzung des Koalitionsvertrags durch die neue Bundesregierung ein neuer Förderweg ergeben, der gerade für Teilqualifikationen prädestiniert ist: die „Bildungszeit“ oder „Bildungsteilzeit“

 

Thiemo Fojkar
Vorstandsvorsitzender des Internationalen Bundes e. V., BVMW Präsidium, Vorsitzender der BVMW Bildungskommission
www.internationaler-bund.de 

Die im Mittelstand.BVMW neu konstituierte Kommission Bildung unter Vorsitz von Thiemo Fojkar widmet sich aus Sicht der KMU mit der beruflichen Bildung als Instrument zur Fachkräftesicherung und zur Bewältigung der Transformation. Die Umsetzung des Koalitionsvertrags durch die Bundesregierung wird dabei eine wichtige Rolle spielen.

Gut zu wissen

■ Für 70 Prozent der KMU spielt die Weiterbildung von Beschäftigten eine Rolle beim Aufbau von Digitalkompetenz der Beschäftigten

■ Mit der MyTQ Teilqualifizierung ist z. B. der Berufsabschluss Kauffrau und Kaumann im E-Commerce möglich: https://mytq.de/berufe/buero-it/kaufmannfrau-im-e-commerce-tq1/