Wolfgang Kraus
Der Leiter des Kompetenzforums Interim Management des BVMW-Beratungsnetzwerkes im Interview
Wer inspiriert Sie in Ihrer Arbeit?
Meine Kunden. Unternehmen schnell unterstützen zu können, Ihnen Nutzen zu bieten und sie voranzubringen, das ist die größte Inspiration.
Womit beschäftigen Sie sich derzeit besonders intensiv?
Zurzeit ist es wichtiger als je zuvor, genau hinzuschauen, was Unternehmen in diesen besonderen Zeiten wirklich weiterbringt. Das ist natürlich immer unterschiedlich, je nach Situation im Unternehmen, je nach wirtschaftlicher Situation, sowohl im unternehmensspezifischen Umfeld als auch im nationalen oder im globalen Kontext. Auch die gesellschaftlichen Themen beeinflussen Unternehmen immer, subtil oder offensichtlich, wenn man zum Beispiel an die Verfügbarkeit von qualifiziertem Personal denkt, oder auch an gesellschaftliche Themen, die Unternehmen beeinflussen. Wichtig ist es daher, Nutzen zu bieten. Und das muss man erfragen, da muss man genau hinschauen, da muss man mit den Leuten reden. Das kann man nicht automatisieren.
Was hat Sie motiviert im Beratungsnetzwerk und insbesondere in einem Kompetenzforum des Beratungsnetzwerks mitzuwirken/sich zu engagieren?
Interimsmanager sind, wenn Sie nicht bei einem Provider wie Brainforce gelistet sind, oft Einzelkämpfer, oft auf sich alleine gestellt. Sie gehören weder dauerhaft zum Unternehmen, für das sie temporär tätig sind, obwohl sie natürlich dem Unternehmen absolut loyal gegenüber sind und oft Aufgaben übernehmen, die sonst niemand gerne machen will, denken wir an Werksschließungen oder Sanierungen. Sie haben in der Regel nicht so viele Menschen um sich, mit denen sie die Themen, die sie im Mandat beschäftigen, besprechen können. Daher ist es gut, so ein Kompetenzforum, wie wir es aufgebaut haben, zu haben und regelmäßig Feedback, Tipps, Ratschläge zu erfragen oder einfach nur vom Mandat erzählen zu können.
Was war die Beratung, die Ihnen am meisten in Erinnerung geblieben ist und warum?
Alle Beratungen sind einzigartig, so wie es die Menschen sind. Aber natürlich bleiben manche Beratungen und Interimseinsätze in Erinnerung, vor allem wenn Interimsmanager das Unternehmen aus einer prekären Situation retten. In guter Erinnerung ist mir ein Bauunternehmen, das im vorletzten Geschäftsjahr bei einem Umsatz von 70 Mio. Euro fast 3 Millionen Verlust gemacht hat, obwohl alle Projekte bezahlt wurden. Für dieses Jahr war eine schwarze Null geplant. Durch den Einsatz eines erfahrenen Interimsmanagers konnte das Unternehmen durch schnelle und konsequente Maßnahmen einen operativen Gewinn von 5 Mio. erzielen. Die Gesellschafter waren sehr glücklich.
Was wäre der aus Ihrer Sicht wertvollste Tipp, den Sie Ihren Kundinnen und Kunden geben würden?
Nicht so lange warten mit dem Einsatz von Interimsmanagern. Das ist der wichtigste Rat, den man Kunden geben kann. Interimsmamanager sind nicht festangestellt, in der Regel können die Verträge kurzfristig und ohne Probleme gekündigt werden. Interimsmanager arbeiten nicht dafür, eine stabile Position für sich selbst im Unternehmen aufzubauen, sondern wollen Ziele erreichen. Wichtig ist, dass die Chemie stimmt zwischen dem Interimsmanager und dem Kunden, der Führungskraft, an die der Interimsmanager berichtet. Das muss passen, damit der Interimsmanager schnell wirksam sein kann. Ein guter Provider kann gut erkennen, ob es passen könnte, ansonsten sollte man einfach intuitiv entscheiden. Natürlich muss das fachliche passen, das sieht man aber sehr schnell.
Wie sieht aus Ihrer Sicht eine Beratung von morgen aus?
Wir kennen das Morgen nicht, wir können nur vermuten. Dieser banale Satz ist sehr wichtig, wir müssen flexibel bleiben, um die Anforderungen des Marktes, der Unternehmenssituation und der Gesellschaft zu erkennen und entsprechend zu reagieren. Berater von morgen können noch schneller auf sich verändernde Situationen reagieren, schneller die Anforderungen erkennen und schneller Lösungen umsetzen. Beratung ist immer eine situative Beratung, ob man jetzt auf eine Situation reagiert oder die Situationen versucht herbeizuführen. Ich persönlich hoffe, dass wir uns wieder mehr in Richtung gesellschaftlichen Zusammenhalt bewegen und gemeinsame Ziele finden.
Im Rahmen unseres „This-or-That“-Formats haben wir Wolfgang Kraus gebeten, bei drei strategisch relevanten Themen eine klare Position zu beziehen. Seine Antworten bieten einen kompakten Einblick in zentrale Fragestellungen zum Thema Interim Management und zeigen, welche Schwerpunkte und Prioritäten die Arbeit seines Kompetenzforums und damit die strategische Ausrichtung maßgeblich prägen.
Sollte ein Unternehmen bei offenen Vakanzen eher auf Interimskräfte oder auf festangestellte Mitarbeiter setzen? Welche Vor- und Nachteile bietet Ihre Entscheidung hinsichtlich Flexibilität, Fachkenntnissen, Kosten und der langfristigen Integration in die Unternehmensstruktur?
Ganz klar auf Interimskräfte. Man darf die Unternehmensentwicklung nicht von Vakanzen ausbremsen lassen. Unternehmen müssen schnell reagieren können, und wenn ein Kunde mal weg ist, ist es schwer ihn zurückzuholen. Auch intern darf kein Vakuum entstehen, das die Unternehmensentwicklung hemmt. Man braucht Zeit, um einen neuen, wirklich passenden Mitarbeiter zu finden, das sollte nicht unter Zeitdruck geschehen. Vor allem für C-Level-Positionen sind Interimsmanager in der Regel nicht teurerer als ein festangestellter Manager. Und das Know-how, das Interims Manager immer mitbringen, und die Perspektive von außen sind immer eine Bereicherung für das Unternehmen. Also ganz klar: Interimsmanagement.
Sollte ein Unternehmen im Rahmen des Interimsmanagements eher auf eine langfristige oder kurzfristige Lösung setzen – und warum?
Das kommt auf die Aufgabe an. Manchmal sind es nur ein paar Wochen oder Monate, manchmal sind es ein paar Jahre. Eine Vakanzüberbrückung wird in der Regel kürzer sein als der Aufbau eines neuen Standorts im Ausland.
Sollte eine Interimsmanagerin oder ein Interimsmanager eher darauf fokussiert sein, neuen Input und frische Perspektiven in das Unternehmen einzubringen oder bestehende Projekte und Prozesse konsequent fortzuführen und zu optimieren? Bitte begründen Sie Ihren Standpunkt.
Man muss in den Vorgesprächen herausarbeiten, was getan werden muss. Das ist nicht immer auf den ersten Blick ersichtlich. Wenn es eine Vakanzüberbrückung in einem gut organisierten Unternehmen ist, dann ist es einfach eine Vakanzüberbrückung. Als Zusatznutzen bringt jeder Interimsmanager dann neue Ideen und Impulse mit. Wenn das Unternehmen gut läuft, braucht man einfach jemanden, der die Arbeit macht. Wenn man aber Restrukturierungsbedarf hat, weil die Prozesse zu lange dauern, oder weil das Ergebnis nicht stimmt, oder weil die Produkte veraltet sind, dann ist es wichtig, Interimsmanager ins Unternehmen zu bringen, die Veränderungen durchführen. Es können harte und einschneidende Veränderungen notwendig sein, oder inspirierende, gemeinsam entwickelte Veränderungen. Für beides braucht es Menschen, die der Aufgabe gewachsen sind.
Wolfgang Kraus
Brainforce AG
https://www.brainforce-ag.com