Exklusive Tafelrunde des BVMW in Augsburg im Ofenhaus
Patrick Helmholz, Adobe Stock
Die Innovationskraft der deutschen Wirtschaft sinkt. Eine aktuelle Studie der Unternehmensberatung McKinsey fordert: mehr Tech-Champions, um Deutschland innovativer zu machen.
Der einstige Innovationstreiber Deutschland schwächelt: Laut Innovationsindex 2023 des Bundesverbandes der deutschen Industrie (BDI) liegt Deutschland im Vergleich mit 35 Volkswirtschaften auf Platz 10. Außerdem haben im Jahr 2022 laut Statistischem Bundesamt 14.590 Unternehmen Insolvenz angemeldet. Die Unternehmensberatung McKinsey & Company hat im November 2023 eine Studie vorgestellt, die eine mögliche Erklärung liefert: Dass deutsche Kernindustrien an Bedeutung verlieren, Unternehmen abwandern und disruptive Technologien in anderen Ländern skaliert werden, liegt an den mangelhaften Voraussetzungen für Tech-Champions. Die Studie fordert zudem: mehr Tech-Champions, um Deutschland innovativer zu machen.
Die Autoren definieren Tech-Champions als Unternehmen, die technologische Innovationen erarbeiten und diese ureigenen Technologien vor Wettbewerbern schützen. Diese „proprietären" Technologien setzen neue Standards, lassen sich als Geschäftsmodell rasch monetarisieren, binden Technik-Talente und gedeihen am besten in einem Ökosystem aus Partnerschaften mit anderen Unternehmen, Universitäten, Forschungseinrichtungen und Regierungsbehörden. Da Tech-Unternehmen maßgeblich zum Wachstum und Wohlstand eines Landes beitragen, schlagen die Autoren Strategien vor, damit Deutschland mehr Tech-Champions hervorbringt.
Deutschland hinkt aus vielen Gründen der Innovationskraft anderer Länder hinterher. Zwar investiert Deutschland 3,18 Prozent des BPI in FuE (Forschung und Entwicklung) und liegt damit knapp vor den USA, jedoch holt unser großer Konkurrent in den darauf folgenden Phasen der Kommerzialisierung rasch auf: Die USA verzeichnen mehr als doppelt so viele Gründungsaktivitäten in der Frühphase, sie investieren das Siebenfache in nicht börsennotierte Unternehmen und blicken am Ende auf mehr als viermal so viele profitable Tech-Champions.
Wie nun kann der Technologiestandort Deutschland aufholen? „Technologie-Hubs" sind ein wesentlicher Faktor, und hier ist Deutschland schon auf einem guten Weg: Solche regionalen Kooperationen zwischen Universitäten, Start-ups, etablierten Unternehmen und Förderinitiativen von Bund und Ländern existieren bereits in Berlin/Potsdam, in Sachsen und München. Hier kommen Forschung, junge Gründer und Finanzierer auf engem Raum zusammen.
Doch auch der deutsche Mittelstand kann seinem Ruf als Innovationstreiber (wieder) gerecht werden. Zur Zeit werden weniger Startups gegründet, die Börsengänge verringern sich, auch das Gründungsgeschehen ist gegenüber 2021 um 18 Prozent gesunken. Und generell kommen 90 Prozent der FuE-Aufwendungen von großen Unternehmen.
Das weiß auch Tobias Henz, Partner bei McKinsey und Ko-Autor der Studie. Doch er betont: „Startups stehen oft sehr gut da, wenn es um die Entwicklung des konkreten Produkts geht. Zudem sehen wir junge Unternehmen, die nicht auf Hyperwachstum setzen und eine Finanzierungsrunde nach der anderen einsammeln, sondern relativ früh profitabel sind oder aufgekauft werden. Sie schaffen Werte. Dieser 'New German Mittelstand' schafft 30 Prozent der Jobs und somit überproportional mehr gesellschaftlichen Beitrag."
Der Fachkräftemangel ist ein weiterer Hemmschuh auf dem Weg zum Standort für Tech-Champions. Warum sollte das Mathe-Ass aus Singapur, der KI-Experte aus Indien in hoch besteuerten Toppositionen in Deutschland arbeiten wollen? Neben erleichterten Einreisebedingungen wie etwa einem „Technologievisum" für solche Talente wünscht sich auch Henz eine höhere Attraktivität des Standorts Deutschland: „Deutschland muss nicht nur aus Übersee Talente herholen, sondern vor allem in Europa attraktiver werden – und gerade in den deutschen Mittelständlern hat das Land einen guten Standortfaktor. Ebenso muss es auch für deutsche Talente einfacher werden, hier für ein Startup zu arbeiten als in Singapur oder Frankreich."
Unter derselben Bürokratie und Überregulierung, unter der alle Unternehmen in Deutschland ächzen, leidet auch das Wachstum disruptiver Technologien. Die Studie spricht sich deutlich für einen „Abbau der Bürokratie und ein förderliches regulatorisches Umfeld" aus. Gründungen, die ein maßgeblicher Indikator für künftiges Wachstum sind, werden erschwert, der Fluss vor allem privater Gelder als Investition ist staatlich überreguliert. Tobias Henz verweist darauf, was andere Länder anders machen: „Umgerechnet werden die meisten Startup und Unternehmen in Estland gegründet. Dort sind die Verwaltungsprozesse digitalisiert, schnell und effizient. In Schweden ist es etwa Pensionskassen möglich, in die Spätphasen von Technologieentwicklungen zu investieren. Auch in Deutschland sollte man sich überlegen, wie mehr privates Geld den Weg in Innovationen finden kann." Denn Investoren suchen nach disruptiven Innovationen; sie ermöglichen Marktveränderungen und damit hohe Renditen. Doch der deutsche Wagniskapitalmarkt ist schwach. Steuerliche Anreize, weniger Regularien sowie eine Förderung von Darlehen oder Zuschüssen können ihn stärken.
Viel zu tun also – und ein klare Aufforderung an den Staat, innovative Unternehmen und risikofreudige Investoren zu unterstützen und nicht zu behindern.