Zu Gast bei BVMW Mitglied Metafinanz GmbH
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Die Schwerpunktthemen der „3D“ – Digitalisierung, Dekarbonisierung und demografischer Wandel – sind mittlerweile aus keinem Koalitionsvertrag mehr wegzudenken.
Dabei wird der Erhalt des Wirtschaftsstandorts mit der Frage stehen oder fallen, ob es gelingt, Bürokratie abzubauen.
Zweifelsohne leben wir in einem Zeitalter des Wandels und der Veränderungen, was für die Wirtschaftsstandorte Europa und Deutschland gleichermaßen große Herausforderungen wie Chancen darstellt. Dabei haben wir es aktuell noch selbst in der Hand, nicht nur bei Automobilen, Impfstoffentwicklung und Ingenieurskunst, sondern künftig auch bei zahlreichen neuen Transformationstechnologien, von Brennstoffzellentechnik bis Robotik, KI und vielem mehr die Innovationsregion Nummer 1 zu sein. Wo die Reise hingeht und ob wir auch künftig die erste Geige im Orchester oder nur noch die Triangel spielen werden, hinter den USA und China, hängt maßgeblich davon ab, ob es uns gelingt, unsere Standortattraktivität zu erhalten.
Die jüngsten Zahlen zur konjunkturellen Entwicklung zeichnen ein eher düsteres Bild. Die deutsche Wirtschaft schrumpft zwar nicht mehr wie im Winterquartal, sie wächst aber auch nicht. Der ifo-Geschäftsklimaindex fällt zum dritten Mal in Folge, das Bruttoinlandsprodukt stagniert. Der Internationale Währungsfonds prognostiziert für Deutschland im Gesamtjahr 2023 eine Schrumpfung um 0,3 Prozent – im Ranking der stärksten Volkswirtschaften der Welt ist man damit Konjunktur-Schlusslicht. Im Vergleich dazu wuchs
etwa in den USA das Bruttoinlandsprodukt im zweiten Quartal 2023 um 2,4 Prozent. Anders als die US-Notenbank hat die Europäische Zentralbank erst spät mit Zinserhöhungen reagiert. Sie werden bei einer Inflationsrate, die in der Eurozone Ende Juni bei 5,5 Prozent lag, wohl länger investitionshemmend wirken als in Übersee, wo die
Inflation zur gleichen Zeit auf 3 Prozent zurückgegangen ist. Dass wir in Deutschland bei anhaltender Energiepreisexplosion mit Belgien die Weltmeister bei Steuern und Abgaben sind und simultan die Vier-Tage-Woche bei geringerer Wochenarbeitszeit zu gleichem Entgelt diskutieren, zeigt, dass der Frage der Wettbewerbsfähigkeit als Basis unserer Zukunfts- und damit auch Transformationsfähigkeit noch nicht von allen Stakeholdern die ihr gebührende Aufmerksamkeit gewidmet wird.
Neben der Problematik der hohen Energiepreise ist zudem klärungsbedürftig, wo der regenerative Strom für die Energiewende in absehbarer Zeit herkommen soll. Laut einer von der IHK RheinNeckar in Auftrag gegebenen Studie wird sich etwa der Strombedarf in der dortigen Metropolregion bis zum Jahr 2045 von 17 Terrawattstunden (TWh) pro Jahr auf rund 35 TWh verdoppeln. Aktuell werden regional aber lediglich 2 TWh regenerativer Strom erzeugt.
Der Weg der Dekarbonisierung wird vor allem auch ein Weg der Elektrifizierung sein. Die aktuellen, mehrjährigen Verfahrensdauern bei Windradgenehmigungen werden mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht ausreichen, um die Klimaziele zu erreichen. Ursprünglich sollte das SüdLink-Kabel fertiggestellt sein, wenn das letzte Atomkraftwerk vom Netz geht. Die Atomkraftwerke sind zwar seit April alle abgeschaltet, das Kabel liegt aber immer noch nicht in der Erde, sondern steckt in diversen Planfeststellungsverfahren fest. Sowohl der Verband baden-württembergischer Wohnungs- und Immobilienunternehmen (vbw) als auch die Arbeitsgemeinschaft
baden-württembergischer Bausparkassen wiesen im Rahmen ihrer parlamentarischen Abende im Frühjahr in dringenden Appellen darauf hin, dass etwa die Anzahl der beim Wohnungsbau zu beachtenden Vorschriften von 5.000 auf rund 20.000 angestiegen ist. Auch wenn davon knapp die Hälfte Brüsseler Ursprungs ist, belastet sich
Deutschland zu sehr selbst, indem es auf das europäische Mindestmaß oftmals noch etwas draufsattelt. Auch in Bezug auf die Demografie schlummert noch viel Potenzial, das durch mehr Flexibilität geweckt werden könnte. Mittlerweile gibt es in Deutschland rund 700.000 unbesetzte Stellen – und der Peak ist noch lange nicht erreicht. Werden wir den Fachkräftebedarf auch nur annähernd decken können, wenn die Babyboomer, allen voran der Jahrgang 1964 mit seinen 1,34 Millionen Geburten, vom einen Tag auf den nächsten im Niagarafall-Modus in Rente geht? Oder wäre eine „schräge Ebene“ nicht vielversprechender? Ein Lebensarbeitskonto sowie großzügigere Hinzuverdienstgrenzen könnten ein Anfang sein. Zum Vergleich: 2021 gab es mit knapp 800.000 die höchste Geburtenzahl seit 1997, im letzten Jahr waren es nur noch rund 740.000 – und nebenbei ist die durchschnittliche Rentenbezugsdauer von etwa neun Jahren anno 1960 auf mittlerweile über 20 Jahre angestiegen. Es ist immer noch ein großes Glück, in Deutschland zu leben. Trotz Corona, Krieg und Krisen stehen wir stabil und robust da – mit fast 46 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten befinden wir uns aktuell auf Rekordniveau. Krisen sind immer auch Chancen, und gerade für die junge Generation waren diese niemals größer als heute. Es wird aber essenziell für unsere Zukunftsfähigkeit sein, aus den vorliegenden Statistiken und Analysen die richtigen Reformrückschlüsse zu ziehen. Wir dürfen uns deshalb nicht nur mit ambitionierten Zielen überbieten, sondern müssen auch endlich auf den konkreten Umsetzungspfad gelangen.