Starken Frauen im Mittelstand: Erleben Sie die spannenden Geschichten weiblicher Talente aus dem Netzwerk des BVMW.
Anja Rickmeier
Die Co-Founderin und Geschäftsführerin der neumacher GmbH im Interview für die Initiative „Starke Frauen – Starker Mittelstand“.
Wie sind Sie dazu gekommen, Unternehmerin/Führungskraft zu werden?
Eigentlich ist es verwunderlich, dass es so lange gedauert hat. Unternehmerisches Denken gab es bei mir in der Familie quasi zum Mittag.
Meine Eltern haben sieben Tage die Woche auf unserem Bauernhof gearbeitet. Und mein Bruder gründete ein Unternehmen, direkt nach seiner Zeit beim Bund. Da war ich gerade mal 15 Jahre alt. Unsere Tischgespräche drehten sich immer um Wirtschaftlichkeit, Investitionen, darum was die Kundschaft will und um Preisschwankungen am Markt. Aber auch Generationskonflikte waren Thema, die an nötigen Veränderungen und Nachfolge entbrannten.
Und schon früh habe ich beobachtet, dass der Mensch im Business oft zu spät ins Gedankenspiel kommt. Wirtschaftspläne, Strategiepapiere, Geschäftsmodelle… das sind alles theoretische Konstrukte. Wir Menschen müssen sie mit Leben füllen. Dennoch werden Zahlen und Menschen selten als Einheit gedacht. Als wären sie nicht Pott und Deckel eines Unternehmens. Das ist ein grundlegender Denkfehler des Systems.
Wenn man so will, bin ich auf der Mission diesen Systemfehler zu beheben. Ich möchte mit Unternehmer:innen UND ihren Teams die Zukunft ihrer Organisationen sichern. Mitarbeitende und Strategien zu einer Einheit mit gemeinsamem Ziel machen. Das ist einer der Gründe, aus denen ich neumacher gegründet habe.
Mein Geschäftspartner nennt mich scherzhaft Idealistin. Und er hat einen Punkt… aber Rechnungen müssen wir trotzdem stellen.
Wenn Sie in der Zeit zurückgehen könnten, würden Sie denselben Weg nochmal gehen? Oder würden Sie etwas anders machen.
All die Erfahrungen und Beobachtungen, die ich in den vergangenen 30 Berufsjahren machen konnte, die Herausforderungen, denen ich mich stellen musste – die sind mein ganz persönlicher Schatz und den würde ich nie hergeben.
Was ich heute schneller erkenne: Es gibt Veränderungen, die brauchen einen Anstoß von außen, um in Bewegung zu kommen. „Der Prophet gilt nichts im eigenen Land." An diesem Spruch ist viel Wahres, das habe ich nicht nur in meiner eigenen Geschichte erlebt, sondern auch bei anderen, die in ihrer Organisation mit wichtigen Ideen stecken geblieben sind. Das bedaure ich vor allem für die Betriebe selbst, denn da wird viel Potenzial verschenkt.
Welche Entscheidung würden Sie für sich als Wegweisendste bezeichnen oder auch die, aus der Sie am meisten gelernt haben?
Die wegweisendste Entscheidung war tatsächlich der Sprung in die Selbstständigkeit. Ich habe schon länger damit geliebäugelt. Im vergangenen Herbst kamen für mich dann äußere Umstände und innere Klarheit so ideal zusammen, dass es hieß „Jetzt oder nie!“
Was war die größte Herausforderung, die Ihnen begegnet ist?
Die größte Herausforderung ist für mich jetzt. Mein Geschäftspartner und ich haben unserer Beratung zu einer Zeit gegründet, in der viel Ungewissheit herrscht: Die Märkte stehen unter Druck. Lieferketten sind nicht verlässlich. Gesellschaftspolitisch bewegt sich viel, Technologischer Fortschritt treibt massiv.
Der verständliche unternehmerische Reflex in unsicheren Zeiten ist, das Geld zusammenzuhalten und nicht ausgerechnet in Consulting zu investieren. Da beißt sich die Katze bisweilen in den Schwanz, denn durch die Verwaltung des Status Quo verlieren Organisationen strategische und finanzielle Handlungsoptionen.
Wir haben unser Unternehmen aus der Überzeugung gegründet, dass Betriebe jetzt mehr denn je externe Perspektiven, Expertisen und Tatkraft brauchen. Und deswegen die Gründung trotz unsicherer Zeiten.
Womit beschäftigen Sie sich derzeit besonders intensiv?
Produktivität vs. Wirkung beschäftigt mich stark.
Viele Unternehmer:innen stecken im Hamsterrad, sehr operativ und mit Blick nach außen. Weil dort so viel vorgeht und der Tag nur 24 Stunden hat. Deswegen fallen interne Themen leicht hinten rüber. Dabei offenbart der Blick nach innen, wo Wertschöpfung auf der Strecke bleibt. Fake Work ist da ein super relevantes Thema und das kostet richtig Geld.
Fake Work sind Arbeiten, die produktiv wirken, aber keinen direkten Effekt für das Unternehmensziel haben. Wissensarbeiter:innen wenden Studien zufolge rund ein Drittel ihrer Arbeitszeit für solche Aufgaben auf. Bei Geschäftsführungen und Führungskräften sind es Befragungen zufolge sogar 41 Prozent. Rechnen Sie das mal für einen Betrieb mit 60 Mitarbeitenden durch.
Frank Thelen sagte neulich: „Die Veränderung der Welt wird niemals mehr so langsam sein, wie sie gerade in diesem Moment ist.“ Man kann ihn mögen oder nicht, aber er hat recht und dann schaue ich auf uns: Unser Wirtschaftsstandort liegt zurück bei künstlicher Intelligenz, ist zu abhängig von fossiler Energie und von geopolitischen Verwerfungen auf besondere Weise betroffen. Und dennoch leisten wir uns als Land, und auch in vielen Unternehmen, Strukturen, die Innovation, Motivation und Wertschöpfung hemmen.
Überall wird von Prozesseffizienz und Produktivität gesprochen. Gerade in der Wissensarbeit fehlt aber oft der Fokus auf Wirkung. Deswegen treibt mich das Thema um.
Wodurch erfahren Sie besondere Wertschätzung für Ihre Arbeit?
Wenn Menschen mir ihre Gedanken anvertrauen. Die, die sie nicht mit jedem teilen: Ratlosigkeit, Zweifel, Herausforderungen, unpopuläre Meinungen. Ich war in unterschiedlichen Funktionen Trägerin heiklen Wissens, Sparringspartnerin, Anlaufstelle bei Konflikten und Vermittlerin. Für mich ist Vertrauenswürdigkeit die vielleicht wichtigste Währung.
Ich hatte mal einen Chef, der immer sagte: „Nicht gemeckert ist genug gelobt. “ Diese Haltung ist lange schon nicht mehr zeitgemäß. Mal sowas zu hören wie „Mit welcher Beharrlichkeit du diesen Großkunden gewonnen hast – wirklich stark.“ schadet aber dennoch nicht. Genauso wenig wie die ehrlich gemeinte Frage „Wie geht es dir eigentlich aktuell?“ Wir sind soziale Wesen. Manchmal brauchen wir von anderen einfach mal die verbale Anerkennung für Leistung und Interesse an uns als Person.
Merksatz: Lob ist kein Verbrechen.
Welche Botschaft möchten Sie frisch gebackenen Unternehmerinnen oder Gründerinnen/Führungskräften mitgeben?
Nun bin ich ja selbst auch noch eine Frischgebackene. Aber meine Botschaft ist: „Wenn du in einer Geschäftspartnerschaft gründest – wähle deinen Co-Founder weise.“
Für mich war klar, dass ich jemanden mit mir im Boot brauche. Nicht nur, weil der integrale Ansatz „Zahlen und Menschen“ von neumacher sonst nicht hingehauen hätte. Auch wegen der psychologischen Sicherheit. Die brauche ich, um gut zu arbeiten.
Wenn du also eine:n Geschäftspartner:in brauchst – aus welchen Gründen auch immer – suche dir nicht jemanden, der immer deiner Meinung ist und dir zu ähnlich. Finde eine Person, die dich mit ihrer Persönlichkeit, ihren Perspektiven und ihrer Expertise ergänzt und auch herausfordert. Jemanden mit Integrität, dem du vertrauen kannst, bei all der Unterschiedlichkeit.
Reibung ist wichtig in Partnerschaften und für Erfolg. Wenn die Chemie grundsätzlich stimmt, ist Reibung kein Risiko, sondern Antrieb.
Mit welchen wesentlichen Maßnahmen fördern Sie in Ihrem Unternehmen gezielt Female Empowerment und geben Ihren Mitarbeiterinnen Rückenwind?
Zu Female Empowerment gehört für mich nicht nur die Stärkung von Frauen, sondern auch Gespräche mit denen, die die Zügel über die Strukturen oft genug noch in der Hand haben: Männern.
Nehmen wir meinen Geschäftspartner. Für ihn zählt Kompetenz, nicht Geschlecht. Diese Haltung war mir wichtig und ich bemerke sie in unserer Zusammenarbeit immer wieder. Er versucht nicht, mir die Welt zu erklären und baut auf meine Kompetenzen. Als Werder Fan hat er sich beim letzten Trainerwechsel der Bundesligaherren vorgestellt, dass Fritzy Kromp den Job übernimmt. Sie trainiert die Werder Frauen und ist sehr fähig. Wie undenkbar sowas für viele Männer noch ist, zeigt der Shitstorm gegen Marie Louise Eta vom 1. FC Union Berlin, als sie kürzlich Interimstrainerin der Bundesligaherren wurde. Das zeigt, wie schnell Kompetenz egal werden kann, wenn eine Frau den Platz einnimmt, der traditionell einem Mann „gehört“.
Dennoch stoßen wir in Diskussionen auch bei ihm auf blinde Flecken, weil sein Erfahrungshorizont als Mann einfach ein anderer ist als der von mir und vielen Frauen da draußen. Wir Frauen wissen, wo wir selbst 2026 noch an strukturelle Grenzen stoßen. Was sich zu langsam verändert, ist das kollektive Verständnis dafür bei Männern. Ich sehe Bewusstseinsschaffung dort als den direktesten Hebel.
Von der Politik erwarte ich hinsichtlich einer stärkeren Unterstützung von Unternehmerinnen und der Entwicklung von Frauen in Unternehmen im Allgemeinen…
Politik hat eine wichtige Vorbildfunktion und ich erwarte eher Grundsätzliches und keine Sonderbehandlung für Frauen. Sprich gleiche Möglichkeiten durch zeitgemäße Rahmenbedingungen: z. B. Anreize und Infrastruktur, um paritätische Eltern- und Pflegearbeit zu ermöglichen.
Die größere Aufgabe kommt aber vielleicht uns als Gesellschaft zu.
Frauen werden noch zu sehr aus der Entweder-oder-Brille betrachtet. Wenn sie im Beruf Kante zeigen und Ehrgeiz haben, werden sie anders bewertet als Männer mit dem gleichen Verhalten. Das ist empirisch belegt. Frau soll familiär und herzlich sein. Wenn sie ihre Meinung vertritt, zielstrebig ist und Konflikten nicht harmoniesuchend aus dem Weg geht, gilt sie schnell als schwierig oder verbissen.
Wir können beides sein. Herzlich und empathisch und gleichzeitig meinungsstark mit Konsequenz und Überzeugungskraft. Und vielleicht lagern wir sogar eine Schlagbohrmaschine im Küchenschrank und wissen sie für ihren Zweck zu nutzen.
Welches Buch empfehlen Sie angehenden Unternehmerinnen/Führungskräften?
„Leading Change“ von John P. Kotter. Meiner Meinung nach Pflichtlektüre für Führungskräfte und Unternehmer:innen, denn schneller Wandel ist gekommen, um zu bleiben. Und Führung kommt bei dem Thema eine elementare Rolle zu. Sowohl als Treiber von Transformation, als auch als Enabler. Da braucht es Verständnis für die Komplexität von Change und wie man ihn erfolgreich vorantreibt.
Womit schaffen Sie in Ihrer Freizeit einen Ausgleich zu Ihrem Arbeitsalltag?
Da geht’s „back to the roots”. Vor sechs Jahren habe ich mir endlich den Traum von eigenen Hühnern samt Selbstversorgergarten erfüllt. Anjas kleine Farm, quasi. Auf 100 Quadratmeter Beetfläche (gemüse-)gärtnern die Chickeria und ich gemeinsam. Ich grabe Würmer hoch, sie fressen sie. Ich pflanze Kohl, sie picken ihn an. Ich setze Kartoffeln, sie wühlen die beim Sandbaden wieder hoch. Fröhliches Chaos und dennoch meditativ.
Weniger meditativ, aber hilft mir auch super beim Abschalten: Videospiele. Ich bin 50, ich weiß, aber ich liebe Videogames halt. Die Storylines, Soundtracks und Liebe zum Detail, die heute in den Spielen stecken, sind einfach fantastisch.
Ein guter Tag beginnt für mich mit…
… dem Duft von Kaffee. Dieser schokoladig satte Kaffeegeruch, der mir entgegenkommt, wenn ich morgens die Tüte mit den Bohnen öffne – der macht mich richtig glücklich. Ich habe, ganz oldschool, eine Kaffeemühle an der Küchenwand hängen. Da kurble ich eine Minute und dann kommt das Pulver mit einer Prise Zimt in die Herdkanne. Mit dem Kaffee geht‘s schließlich ab an den Rechner. Schauen, ob die Welt noch existiert.
Ich bin kein großer Fan von zu viel Lautstärke und Hektik vor dem ersten Kaffee.
Was macht Sie zu einer guten Chefin?
Das beurteilen wohl besser andere, aber was mir (nicht nur) als Führungskraft wichtig ist: den Menschen, mit denen ich arbeite, zu zeigen, dass ich ein ehrliches Interesse an ihnen habe. Ich hoffe, dass kommt auch in hektischen Zeiten bei ihnen an.
Und Humor gehört für mich definitiv auch dazu. Unser Arbeitsalltag ist oft sehr schnell und anspruchsvoll. Eine gewisse Selbstironie und Leichtigkeit sind da hilfreich und die versuche ich, für mein Umfeld und mich zu schaffen.
Gibt es eine Frage, die Sie gern einem Politiker oder einer Politikerin stellen würden? Wem würden Sie diese Fragen stellen?
Gehen auch Ex-Politiker? Dann Christian Lindner. Und meine Frage wäre. „Sehen Sie heute, dass Ihr Handeln die deutsche Wirtschaft Zeit und Substanz gekostet hat?“ Ich bin keine FDP-Wählerin, aber ich bedauere, dass der Liberalismus im Bundestag aktuell keine relevante Rolle mehr einnimmt. Denn er dient immer als Korrektiv gegen zu viel Einfluss vom Staat auf Unternehmen und Bürger:innen. Wie vor allem die FDP-Führung der vergangenen Koalition aus Machtkalkül agiert hat, das hat der Akzeptanz von Politik meiner Auffassung nach ziemlich geschadet.
Grundsätzlich wünsche ich mir einfach weniger Machtstreben und mehr Zukunftsdenken in der Politik. Da kommt wohl mein Idealismus wieder durch…
Anja Rickmeier
neumacher GmbH
https://neumacher-consulting.de