Papier wird knapp

Wer hätte je gedacht, dass 32 Jahre nach der deutschen Einheit die Mangelwirtschaft auf dem deutschen Papiermarkt zurückkehren wird. Bereits seit dem vergangenen Jahr kämpfen nicht nur Druckereien mit einer massiven Verknappung der Papierkontingente.

Verlage und Druckereien leiden unter der Papierknappheit.

Nicht nur Druckereien, auch Verlage, die werbetreibende Wirtschaft und andere papierverarbeitende Unternehmen sind von der aktuellen Situation ernsthaft bedroht. Die Ursachen liegen wie bei vielen anderen Branchen in erster Linie an massiver Rohstoffknappheit, rasant steigenden Energiekosten und unterbrochenen Lieferketten.

Streik verstärkt dramatische Lage

Weiter verstärkt hat sich die dramatische Lage durch die Nachricht vom Streik der Arbeiter beim weltweit führenden Papierhersteller UPM in Finnland. Seit dem 1. Januar stehen dort die Papiermaschinen still, und nach letzten Meldungen wird der Streik offenbar mindestens bis zum 2. April fortgesetzt. Das führt europaweit zu einer weiteren massiven Verschärfung der Papierknappheit. Ein Verteilungskampf um das „weiße Gold Papier“ ist in vollem Gange. Laut einer aktuellen Umfrage deutscher Druck- und Medienverbände verzeichnen rund 70 Prozent der Druckunternehmen Umsatzeinbußen, da Aufträge nicht mehr hergestellt werden können. Sollte der Streik nicht kurzfristig beendet werden, hängen nicht nur die betroffenen Druckunternehmen am Tropf, sondern ebenso die Kunden, da vielen Druckereien buchstäblich das Papier ausgehen dürfte. 21 Prozent der betroffenen Betriebe bewerten laut Umfrage die Situation sogar als existenzbedrohend. Nach den drastischen Papierpreiserhöhungen zum Jahreswechsel, bei denen Druckunternehmen und deren Kunden zwischen 60 bis 80 Prozent Steigerungen verkraften mussten, beschleunigt die Streiksituation die Krise auf dem Papierund Druckmarkt weiter.

Steigende Energiekosten

Einen zweiten immensen Kostenfaktor stellen die extrem gestiegenen Energiekosten dar. Langfristige Verträge wurden von den Versorgern zum Jahresende willkürlich gekündigt und führen durch den Zwang des Abschlusses deutlich teurerer Stromverträge zu einer Vervielfachung der Energiekosten. Energieintensive Branchen wie die Druckindustrie stellt dies vor nahezu unlösbare Herausforderungen. Die Folgen dieser Krise sind fatal. Die Digitalisierung in der Verlagsund Werbebranche wird sich weiter beschleunigen, und die traditionsreiche Druckindustrie wird europaweit weiter verlieren. So hilft ausgerechnet die Papierindustrie am intensivsten mit, eine Branche abzuschaffen, von der sie selbst lebt.

 

Gut zu wissen

 

  • Im Jahr 2020 lag die Altpapiereinsatzquote in Deutschland bei 79 Prozent
  • Von Januar bis Oktober 2021 ist der Altpapierpreis in Deutschland um 78 Prozent gestiegen
  • Zellstoff macht den zweitgrößten Teil an Faserstoffen in grafischen Papieren aus

Steffen Seifert
Geschäftsführer MÖLLER PRO MEDIA GmbH
BVMW-Mitglied

www.moellerpromedia.de

 


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