Filmtipp: Monobloc

Meistverkauft, meistgehasst, unentbehrlich – wie ein Plastikstuhl vom Designprodukt zur Massenware wurde und sich bis in den letzten Winkel auf der Welt verbreitet hat.

Foto: © Salzgeber
Foto: © Salzgeber

Heißes Polypropylen für nur 50 Sekunden in einer Gussform – und dann steht er da, der meistverkaufte stapelbare Plastikstuhl, von dem geschätzt eine Milliarde auf der ganzen Welt existieren. Monobloc heißt er, begonnen hat er als Designobjekt in Frankreich und von dort seinen Siegeszug um die ganze Welt angetreten.

Empörend für die einen, lebenswichtig für die anderen

Der Hamburger Dokumentarfilmer Hauke Wendler hat sich auf die Spurensuche nach diesem Sitzmöbel begeben – und findet Erstaunliches. Denn alle, wirklich alle auf diesem Planeten kennen ihn. In den westlichen Industrienationen indes ist er oft verpönt: Er schmutzt, bricht leicht, und Plastik ist ohnehin böse. Der Rest der Welt denkt anders. Hauke Wendler bereist den Globus, und was er entdeckt, ist eine Erfolgsgeschichte: von Menschen und Stühlen. In Italien begannen die Brüder Proserpio mit der industriellen Herstellung des Monoblocs – und sind damit reich geworden. Denn er unterliegt keinem Kopierschutz. Sein Erfinder, der Franzose Henry Massonnet, hatte kein Patent angemeldet. 

Für ihn war der Monobloc ein hochwertiges Designprodukt, geschaffen für das gutverdienende Bürgertum, ein Lifestyleprodukt, das sogar den „Oscar du meubles“ erhalten hat. Doch die Brüder aus Italien haben etwas anderes erkannt: Der Monobloc ist erschwinglich für alle Menschen auf der Welt.

Gesellschaftlicher Aufstieg und Mobilität

So auch in Indien. Dort schafft der Monobloc Arbeitsplätze, Wohlstand und symbolisiert den gesamtgesellschaftlichen Aufstieg. Sanjeev Jain ist der Vizepräsident von Supreme Industries und erwirtschaftet seit 1990 mit dem Monobloc 850 Millionen Dollar Jahresumsatz. Er weiß: „Noch in den 1990er-Jahren hat sogar der Mittelstand auf dem Boden gesessen. Heute können alle ihre Wohnung einrichten.“  Der Monobloc ist billig, leicht und hält nicht lange. Selbst das ist ein Wachstumsfaktor. Marie ist 66 und recycelt Müll in einer brasilianischen Großstadt. So ein ausrangierter Stuhl ist ein Glücksgriff, die Recycle-Firmen zahlen gutes Geld dafür und machen selber Millionenumsätze damit, dass sie das Polypropylen extrahieren. In Uganda freuen sich Behinderte über einen bezahlbaren Rollstuhl, gefertigt von einem amerikanischen Ingenieur: der Monobloc mit Rädern. Polypropylen, 50 Sekunden lang erhitzt: Der Monobloc kann empören, begeistern, Existenzen sichern, Aufstieg ermöglichen. Schön ist er vielleicht nicht, der Monobloc, aber schön, dass es ihn gibt.

 

Bernd Ratmeyer
Journalist
mittelstand@bvmw.de

Monobloc

Dokumentarfilm (Deutschland 2021)

Regie: Hauke Wendler

Seit Januar im Kino