Warnung vor Technologie-Abhängigheit

Die Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) hat ihr Jahresgutachten zu Forschung, Innovation und technologischer Leistungsfähigkeit Deutschlands 2022 veröffentlicht. Der Bericht legt Defizite in Schlüsseltechnologien offen.

Anfang März hat die Expertenkommission der Bundesregierung das Jahresgutachten 2022 an Bundesforschungsministerin Bettina Stark-Watzinger übergeben. Gefordert wird darin, dass eine Forschungs- und Innovationsstrategie entwickelt wird, die den gesamten Innovationsprozess umfasst und Förderprioritäten nennt.

Technologie-Rückstand verkleinern

Dass Deutschland gegenwärtig eine langfristige Strategie fehlt, ist insbesondere im Bereich der Schlüsseltechnologien augenfällig. So müssen dort geeignete Aktivitäten entfaltet werden, damit die Rückstände auf die USA und asiatische Länder nicht größer werden. Hierzu ist in erster Linie die Politik in der Pflicht. Defizite gibt es etwa im Bereich KI-Strategien. Weder die alte noch die neue Bundesregierung hat hier Wegmarken gesetzt. Trotz des unbestrittenen Stellenwertes der Künstlichen Intelligenz für zahlreiche Anwendungen fehlt im Koalitionsvertrag eine Strategie, um digitale Technologien gezielt zu fördern. Es kann nicht oft genug daraufhin hingewiesen werden, dass dieses Feld nicht unbeschadet den USA oder China überlassen werden darf. Wer hier nicht mithält, dessen Wettbewerbsfähigkeit ist in größter Gefahr. Deutschland sollte hier nicht zaghaft, sondern mutig Chancen ergreifen.

In den Bereichen der Produktions- und Materialtechnologie sowie der Biowissenschaften und der Lebenswissenschaften ist Deutschland aktuell in der Spitzenposition. Doch auch diese Stellung ist zunehmend bedroht. So hat China die Zahl der Forschungspublikationen und der Patentanmeldungen seit der Jahrtausendwende um ein Vielfaches gesteigert. Aus einer Führungsposition droht eine Folgeposition zu werden. Höchst bedenklich ist auch die Stagnation der Bedeutung deutscher Unternehmen im Bereich der Normierung und Standardisierung. Denn auf internationaler Ebene kann durch ein Engagement in den Komitees der Internationalen Standardisierungsorganisation (ISO) maßgeblich Einfluss auf die Kommerzialisierung von Technologien genommen werden. Seit 2011 haben China und Japan ihre Beteiligung erhöht, während das deutsche Engagement stagniert. Der Trend spiegelt sich auch in den Handelsbeziehungen wider. Eine positive Handelsbilanz ist vor allem in der Produktionstechnologie auszumachen. Bei den Schlüsseltechnologien der Bio- und Lebenswissenschaften liegt die Handelsbilanz seit 2017 nach schwankenden Jahren im positiven Bereich. Bei den digitalen Technologien weist Deutschland dagegen seit dem Jahr 2007 durchgehend eine negative Handelsbilanz auf. Hier gilt es dringend aufzuholen.

Die Expertenkommission fordert daher, die Innovationen in diesem Bereich zügig voranzutreiben. Dazu müssen die digitalpolitischen Ressorts in der Politik koordiniert und aufeinander abgestimmt werden. Auf Grundlage regelmäßiger Erfassung von Schlüsseltechnologien sollte zudem ein unabhängiges Beratungsgremium kontinuierlich aktualisierte Technologie-Portfolios erstellen und die Bundesregierung beim Umgang mit Schlüsseltechnologien beraten.

Werden diese Maßnahmen konsequent verfolgt, kann die Unabhängigkeit Deutschlands bei Schlüsseltechnologien langfristig gefördert und gesichert werden, andernfalls droht uns die technologische Souveränität verloren zu gehen.

Relative Handelsbilanz Deutschlands in den Schlüsseltechnologien 2014-2019 in Prozent (Quelle: Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI))

Innovationen und Nachhaltigkeit vereinen

Ohne einen erheblichen Fortschritt bei der Digitalisierungstechnologie kann auch die ökonomische Transformation nicht gelingen. Die Entwicklung CO2-armer Technologien mit Hilfe von Förderprogrammen zu unterstützen, reicht nicht aus. Es müssen zudem geeignete Rahmenbedingungen für die Durchdringung dieser Technologien geschaffen werden. Um die Attraktivität der Markteinführung marktreifer nachhaltigkeitsorientierter Innovationen zu fördern, schlägt die Expertenkommission eine Erhöhung des CO2-Preises vor. Der aktuelle CO2-Preis wird als Hemmnis für die Weiter- und Neuentwicklung vor allem im Mobilitäts- und im Energiebereich angesehen. Zugleich betonen die Experten in ihrem Gutachten, dass die deutsche Autoindustrie bei neuen Antriebstechnologien im internationalen Vergleich gegenwärtig gut aufgestellt ist.

Potenziale nutzen

Der Bereich der Digitalen Plattformen ist unterentwickelt. Diese online verfügbaren Marktplätze, auf denen ähnlich wie bei einem realen Markt Angebot und Nachfrage aufeinandertreffen, steuern die Interaktionen der verschiedenen Akteure. Dies ermöglicht die Entwicklung innovativer Geschäftsmodelle. Business-to-Business-Plattformen (B2B) verändern die Wertschöpfungskette nachhaltig und ermöglichen die Generierung neuer Produkte und Dienste. Das Wertschöpfungspotenzial, das die B2B-Plattformen bereithalten, wird in Deutschland als immens eingeschätzt. Basierend auf hohem branchenspezifischen Wissen und ihrem Innovationspotenzial wurde der Beitrag digitaler B2B-Plattformen zur Bruttowertschöpfung des verarbeitenden Gewerbes im Jahr 2018 auf 1,5 Prozent geschätzt. Bis 2024 kann sich dieser Beitrag auf 3 Prozent verdoppeln. Diese Potenziale müssen genutzt werden, um einen Abfluss der Wertschöpfung deutscher Unternehmen an etablierte Plattformen aus den USA und China zu vermeiden. Um für die deutsche Wirtschaft günstige Rahmenbedingungen zu schaffen, sind entsprechende Anpassungen und gezielte Impulse notwendig. Im Fokus sollten eine EU-weite einheitliche Plattformregulierung sowie der Aufbau einer leistungs- und wettbewerbsfähigen und sicheren und vertrauenswürdigen Dateninfrastruktur stehen.

 

Gut zu wissen

 

  • Die Expertenkommission Forschung und Innovation ist ein sechsköpfiger Sachverständigenrat, der die Bundesregierung zu den Themen Bildung, Forschung und Innovation seit dem Jahr 2006 berät
  • Der Anteil Deutschlands an den weltweit exportierten Hightech-Gütern hat sich seit 1990 nahezu halbiert
  • Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung sind im Jahr 2020 gegenüber dem Vorjahr um 6,3 Prozent zurückgegangen
  • Die fünf weltweit größten Plattformunternehmen (Google, Apple, Facebook, Amazon und Microsoft) haben eine Marktkapitalisierung von mehr als 4,5 Billionen Euro. Zum Vergleich: Im Jahr 2021 betrug das deutsche Bruttoinlandsprodukt rund 3,57 Billionen Euro
  • Das Gutachten 2022 der Expertenkommission Forschung und Innovation ist abrufbar unter: https://bvmw.info/efi_gutachten_2022

Dr. Hans-Jürgen Völz
BVMW Chefvolkswirt
hans-juergen.voelz@bvmw.de

 


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