Unternehmen im Visier: Kampagnen über Telegram früh erkennen

Während nicht nur gefühlt Krisen verstärkt unseren derzeitigen Alltag prägen, müssen Unternehmerinnen und Unternehmer zu jeder Zeit und immer unter Zeitdruck beste Ergebnisse abliefern und parallel maßgebliche Unternehmensentscheidungen treffen.

telegram

Passt die Mitarbeiterin oder der Mitarbeiter noch zu uns? Welche Kunden beliefere ich als erstes, wenn die Rohstoffe nicht rechtzeitig kommen? Was ist gerade der perfekte Mix aus Büroanwesenheit und Homeoffice? Lohnt sich mein Geschäft bei der Kostenbelastung überhaupt noch?

Die jeweiligen Auswirkungen betreffen die Mitarbeiter und deren Familien vor Ort, aber unter Umständen auch die gesamte Belegschaft des Unternehmens. Lieferketten sind zu beachten, der Cash-Flow sowieso. Die aufgebaute Reputation des Unternehmens und seiner Werte kann im Feuer stehen. Ohne eine profunde Vorbereitung geht schnell die Orientierung verloren: Entscheidungen fallen nicht passend, zu spät oder einseitig aus. 

Nicht, dass diese ganzen Herausforderungen allein schon mehr als reichen würden. Verstärkt sehen sich Unternehmen mit Fake News und gezielter Propaganda konfrontiert. Gerade seit dem Beginn des Ukraine-Krieges hat die mediale Belastung aus den Social-Media-Kanälen deutlich zugenommen. So lässt sich aktuell verfolgen, dass in gezielten Kampagnen versucht wird, Unternehmensentscheidungen im Sinne der eigenen Partei zu beeinflussen. Sehr kleinteilig werden Unternehmensentscheider und -beeinflusser individuell im Digitalen öffentlich oder gar persönlich adressiert.

Gerade auf Telegram lässt sich verfolgen, dass es sich hierbei nicht um verirrte Einzelaufrufe handelt (die es natürlich auch gibt), sondern, dass verschiedene, sehr strukturiert agierende Gruppen täglich neue „Kampagnen“ durchführen. Ein Vorgehen, das momentan besonders zu beobachten ist:

  1. Zuerst werden über verteilte Google-Formulare die Kontaktdaten zu Führungskräften vorgegebener Unternehmen eingesammelt (Crowdsourcing).
  2. Dann werden vertiefende Informationen, auch Insiderinformationen, angefragt.
  3. Daraus werden funktional sehr ähnliche Kampagnen aufgesetzt: Nach einer kurzen Motivation werden präzise Handlungsanweisungen formuliert (Outsourcing), z.B.

    „Verbreiten Sie diesen Aufruf in sozialen Netzwerken! Schreiben Sie unbedingt Ihre eigenen Gedanken auf. Verwenden Sie ggf. folgende Thesen: …Schreiben Sie per E-Mail an das Management des Unternehmens: …“
     
  4. Hierzu werden Textvorschläge gemacht, Adressen aufgelistet und mitunter auch Links zu Bildmaterial geteilt, um die Wirkung der Botschaft zu unterstreichen.
  5. Rückkopplung durch tägliche Erfolgsmeldungen.

In den ersten Kampagnen wurden Inhaber und Führungskräfte adressiert. (Die entsprechenden Listen werden hier nicht dargestellt.) Im weiteren Verlauf konnte beobachtet werden, dass auch Werbepartner aus Sport, Musik etc. der Unternehmen aufgenommen wurden, um zusätzlichen Druck zu generieren.
Das gleiche Muster wird gegen politische Mandatsträger eingesetzt. Vor wenigen Tagen wurde zudem eine Liste von „First Ladies“ und Adelsprominenz mit ihren Kontaktdaten geteilt: von Jill Biden bis Meghan Markle (https://telegra.ph/04042022-04-03).

In der operativen Umsetzung finden sich dann die formulierten Beiträge auf den individuellen Social-Media-Kanälen und insbesondere auf Twitter. Über diesen Kanal werden derzeit gerade Chefredaktionen deutscher Medien mannigfach mit diversen Impulsen und Unternehmensbezügen angeschrieben, teilweise unterlegt mit Bildmaterial. Natürlich sind auch deutsche Politiker im Visier: https://telegra.ph/Bundestag-Bundesrat-04-06 

Damit sehen wir hier exemplarisch, wie Konfliktparteien über digitale Kanäle Unterstützer emotionalisieren und gezielt mobilisieren. Das Aktionsspektrum reicht (bisher) von öffentlicher Reputationsschädigung, persönlicher Ansprache (auch telefonisch) bis zu physischen Demonstrationen vor den Unternehmenssitzen.

Da diese Aktionen aber digital, zumeist über diverse Telegram-Kanäle, vorbereitet werden, ist in vielen Fällen eine Früherkennung und digitale Aufklärung möglich. Aktuell wird dies für mehrere Unternehmen durch das complexium-Lagezentrum in Berlin umgesetzt. Dies ist wichtig, da die derzeitigen Herausforderungen und die entsprechenden anstehenden unternehmerischen Entscheidungen bereits schwer genug sind und nicht durch überraschende Kampagnen weiter erschwert werden sollten.

Der Autor


 

prof. dr. martin grothe

Prof. Dr. Martin Grothe

 

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