Die Kosten der Zeitenwende

Alles begann mit Corona: Die globalen Lieferketten brachen zusammen und haben sich bis heute nicht vollständig davon erholt.

Als das Containerschiff Ever Given im Jahr 2021 – geradezu symbolisch für eine ins Straucheln geratene Globalisierung – im Suezkanal stecken blieb, breiteten sich die Schockwellen in den Lieferketten kaskadenartig über die Weltwirtschaft aus. Heute wissen wir: Das waren nur Vorboten einer neuen Zeit – einer Zeitenwende.

Die neue Knappheit

Die anhaltenden Lieferschwierigkeiten bei Rohstoffen, Computerchips und anderen Vorleistungen haben zu enormen Produktionsverzögerungen und -ausfällen geführt. Nun hat der Krieg in der Ukraine die Preise für Energie und Nahrungsmittel drastisch ansteigen lassen. Sollte im Winter das Gas ausgehen, droht eine Zuteilung über den Notfallplan – mit gravierenden Folgen für die Industrie und vor allem den Mittelstand. Die Abfolge von mehreren tiefgreifenden Angebotsschocks hat indes die Inflation angeheizt und gleichzeitig die Erholung nach Corona ausgebremst. Eine solche makroökonomische Situation ist nicht unbekannt: In den siebziger Jahren hatte die Stagflation, eine Kombination aus Stagnation und Inflation, infolge der Ölpreiskrisen die Weltwirtschaft für viele Jahre in Atem gehalten.

Das Gespenst der Stagflation

Es ist davon auszugehen, dass sich die neue Stagflation auch jetzt nicht schnell auflösen wird. Die Inflation ist gekommen, um zu bleiben. Eine bislang zurückgestaute Inflation beginnt sich nun mit den Angebotsschocks festzusetzen. Während die US-Notenbank den größten Zinsschritt seit vierzig Jahren vollzogen hat, hält sich die Europäische Zentralbank noch zurück. Aus gutem Grund: Denn für die Eurozone ist die Stagflation pures Gift. Bei steigenden Zinsen treten die Unterschiede im Wachstum und der Schuldentragfähigkeit deutlich zutage. Die Zinsdifferenz zwischen Italien und Deutschland ist bereits deutlich angestiegen. Der Euro-Anleihemarkt droht zu fragmentieren – eine neue Eurokrise erscheint am dunklen Konjunkturhimmel. Der Wirtschaftspolitik sind die Hände gebunden: Gestiegene Preise an den Tankstellen und in den Supermärkten lassen sich nicht durch staatliche Hilfen wegsubventionieren, denn es handelt sich um eine importierte Inflation. Die reale Knappheit bedeutet einen Wohlfahrtsverlust. Dieser lässt sich nur sozial umverteilen, aber nicht aufheben. Jeder Versuch, in Preise einzugreifen, würde die Inflation nur noch mehr anheizen und am Ende eine Preis-Lohn-Spirale in Gang setzen.

Die Krise der Globalisierung managen

Strukturell bleibt das Wachstumspotenzial in den nächsten Jahren niedrig. Die demografische Alterung und der Fachkräftemangel werden in den kommenden Jahren weiter zunehmen. Viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer kehrten nach Corona nicht mehr in ihre Jobs zurück. Auch die Weltwirtschaft ist angeschlagen.

„Gestiegene Preise an den Tankstellen und in den Supermärkten lassen sich nicht durch staatliche Hilfen wegsubventionieren.”


Insbesondere China wird nicht mehr die billige Wachstumslokomotive der Weltwirtschaft sein. Eine Rückverlagerung der Wertschöpfungsketten nach Deutschland und Europa ist aber nicht so einfach möglich. Wo schließlich sollen dafür die notwendigen Fachkräfte herkommen, die schon jetzt knapp sind? Zudem wird die klima- und energiepolitische Transition der Wirtschaft das Wachstumspotenzial zumindest vorübergehend begrenzen. Das alles bedeutet, dass der Kostendruck hoch bleiben wird. Das ist vor allem für den Mittelstand ein Problem, denn dieser hat im Vergleich zu den internationalen Konzernen meistens eine schlechtere Verhandlungsposition auf den globalen Beschaffungsmärkten und einen beschränkten Zugang zu ausländischen Talenten und Fachkräften. Worauf also muss sich der Mittelstand einstellen und was kann er selbst tun? Und wo ist die Politik gefordert, den Mittelstand in der Krise, aber auch strukturell zu stärken? Hier sind die fünf wichtigsten Punkte, um sich für die Zeit der neuen Knappheit zu wappnen:

  1. Mehr Resilienz in den Lieferketten: Die einzig denkbare und wirksame Reaktion auf die multiplen Krisen und komplexen Verwerfungen der Weltwirtschaft ist eine Prüfung operativer und strategischer Risiken der Unternehmen. Nicht mehr just in time, sondern just in case ist die Maxime der nächsten Jahre.
  2. Mehr Innovation in den Geschäftsmodellen: Nicht zuletzt die Pandemie hat gezeigt, wie schnell unvorhersehbare Krisen den Unternehmen zusetzen können. Sie hat aber vor allem gezeigt, dass die innovativeren und agileren Unternehmen im Umgang mit der Krise klar im Vorteil waren.
  3. Mehr Kulturwandel für Talente: Neue Arbeitswelten und flexiblere Arbeitsbedingungen sind der Schlüssel, um neue Arbeitskräftepotenziale zu erschließen. Das gilt vor allem bei jungen Talenten, die auf den beginnenden Arbeitnehmermärkten nicht nur ihre Gehaltsvorstellungen, sondern auch ihre Arbeitsanforderungen und Lebenswünsche klar formulieren werden.
  4. Mehr Wettbewerb und Handel für effiziente Märkte: Der Tankrabatt hat gezeigt, dass auf vielen Märkten der Wettbewerb gering ist und marktmächtige Unternehmen Renditen abschöpfen, was der Mittelstand hart erarbeiten muss. Politik muss dafür sorgen, dass Kartelle und Monopole ihre Marktmacht verlieren und die internationalen Märkte offenbleiben.
  5. Mehr Entlastung für unternehmerische Handlungsfähigkeit: Schließlich kann und muss Politik jetzt dafür sorgen, dass der Mittelstand steuerlich nicht weiter belastet, sondern im Gegenteil entlastet wird, um bei steigenden Kosten und höheren Finanzierungskosten ihre Finanzierungskraft für Investitionen und Innovationen aufrechtzuerhalten.

Es herrscht Zeitenwende – auch und gerade für den Mittelstand. Noch Ende 2019 hat niemand erahnen können, in welcher Welt wir uns 2022 wiederfinden würden. Eine globale Pandemie hat sich ereignet, der Krieg ist zurück in Europa, und die Inflation erschüttert die makroökonomische Stabilität. Diese Situation wird uns bis mindestens 2025 erhalten bleiben, und es ist zu hoffen, dass sie nicht kippt. Der Weg aus den Krisen führt nur über Innovation und Transformation. Die Zeitenwende ist eine Zwischenzeit. Es sind wichtige Jahre für die notwendige Erneuerung unserer wirtschaftlichen, industriellen und technologischen Grundlagen, um den Wohlstand erhalten zu können. Wohlstand, so wird uns gerade vor Augen geführt, ist niemals garantiert, er muss immer wieder neu erwirtschaftet werden. Letztlich beruhen Versorgungssicherheit und Wirtschaftskraft auf starken Unternehmen – der Mittelstand ist deren Rückgrat.

 

Prof. Dr. Henning Vöpel
Vorstand sop / Stiftung Ordnungspolitik
Direktor cep / Centrum für Europäische Politik
www.cep.eu

 


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