DER Mittelstand: Editorial 05/2022

Liebe Unternehmerinnen, liebe Unternehmer: was ist Ihre Wohlfühl-Raumtemperatur? 22 Grad? 20 Grad? Oder doch nur 18 Grad?

markus jerger, vorsitzender der bundesgeschäftsführung der mittelstand. bvmw

Wohl selten hat unsere Gesellschaft so bangend auf die kommende Heizperiode geschaut. Wir alle müssen Energie sparen, denn wir haben ein massives Gasproblem. Und spätestens mit dem 24. Februar wurde uns schlagartig bewusst, dass über 50 Prozent des in Deutschland verbrauchten Erdgases aus Russland kommt und dass wir höchst abhängig von den großen (und billigen) russischen Erdgasvorkommen in Sibirien sind.

Die im Geleitzug des Gases ebenso explodierenden Preise anderer Energieträger bedrohen unser Wirtschaftsmodell: Günstig importieren, hier produzieren und weltweit verkaufen wird zunehmend schwieriger. Auch wenn die leidgeprüften Privatverbraucher einen immer größer werdenden Teil ihres verfügbaren Einkommens für behagliche Wärme aufwenden müssen und damit weniger für den Konsum zur Verfügung steht, bei vielen Mittelständlern geht es mittlerweile um die bloße Existenz. Und dies nach Corona schon zum zweiten Mal innerhalb weniger Jahre.

Die Unternehmerinnen und Unternehmer sind zu Recht in großer Sorge. Sie wissen zum einen nicht, wie sie die horrenden Preise bezahlen sollen, und zum anderen, ob sie über den Winter hinweg überhaupt genügend Erdgas für ihre Produktion bekommen. Denn Erdgas wärmt nicht nur Wohnzimmer, Büros und Fabrikhallen – für viele Herstellungsprozesse bildet Erdgas entweder den Rohstoff oder die bestimmende Energiequelle, mit der die Produktion erst möglich wird. Damit stellt sich die Frage, wie eine solche Produktion mit dieser Unsicherheit und unter diesen Rahmenbedingungen noch möglich sein soll.

Dass wir jetzt über LNG-Terminals, Gasumlagen und Fracking in Niedersachsen diskutieren, hat seinen Grund in dem blinden Vertrauen der letzten Bundesregierungen darauf, dass Russland selbst in Zeiten des Kalten Krieges seine Lieferzusagen zu den vereinbarten Konditionen stets eingehalten hat. Jahrelang wurde eine unter dem Aspekt der Risikominimierung gebotene Diversifizierung unserer Gasbezugsquellen versäumt und der parallele Ausstieg aus Kohle und Kernkraft ohne ein richtiges Sicherheitsnetz forciert. Auf dem Weg in die erneuerbare Welt wähnten wir uns bei der Energieversorgung sicher. Die Trümmer der gescheiterten Energiepolitik rollen nun als Kostenlawine über uns hinweg.

Schon die beiden vergangenen Corona-Krisenjahre haben vielen kleinen und mittleren Unternehmen die Geschäftsgrundlage entzogen. Wird Gas nicht nur knapper, sondern bleibt ganz aus, werden die Folgen für unsere mittelständisch geprägte Wirtschaft dramatisch sein, sofern die Politik nicht gegensteuert. Anders als weltweit agierende Konzerne können die wenigsten Klein- und Mittelbetriebe auf finanzielle Ressourcen zurückgreifen, um im Bieterwettbewerb Höchstpreise für Gas zu zahlen. Das bedeutet in letzter Konsequenz Insolvenzen und Arbeitsplatzverluste.

Ohne politische Unterstützung sehe ich für weite Teile der deutschen Wirtschaft schwarz. Deshalb brauchen die Unternehmen, gerade der Mittelstand, angesichts der Energiepreisexplosion endlich nachhaltige Entlastung: eine reduzierte Stromsteuer, ein bezahlbarer Industriestrompreis, der Abbau unnötiger Bürokratielasten. Wir brauchen nicht weniger als einen Befreiungsschlag zur Zukunftssicherung des Wirtschaftsstandortes Deutschland.

Es ist eine Binsenweisheit: Angesichts der fehlenden Rohstoffe ist die einzige Ressource, die wir im Land haben, die Köpfe der Menschen. Und in die müssen wir investieren. Nur so können wir uns weniger abhängig von anderen machen. Aus- und Weiterbildung ist und bleibt daher das Fundament unseres Wohlstandes. Unser Schwerpunkt dreht sich daher diesmal aus guten Grunde um das Thema Bildung.